KONVERGENZ

 

GESELLSCHAFT FÜR GANZHEITLICHE WAHRNEHMUNG, BEWUSSTSEINSENTWICKLUNG UND TIEFENÖKOLOGIE e.V.


 

SOMMERLAND - CHRONIKEN

 

          TEIL  1

 

DIE GESCHICHTE VON SOMMERLAND

 GANDALF LIPINSKI

 

KONVERGENZ e.V.  - Rergionalbüro Leinebergland

Methfesselstrasse 4, 37581 Heckenbeck/Bad Gandersheim,

T.05563 - 70 56 71 (Fon, Fax und AB)

 

 

        DEN FRAUEN UND MÄNNERN GEWIDMET,

        DIE AUF DEM WEGE

        NACH IMLADRIS, AVALON ODER SOMMERLAND

        WAREN,

       SIND

        ODER SEIN WERDEN.

 

         

 

SOMMERLAND - CHRONIKEN TEIL 1 


1. Die Geschichte von Sommerland

 

Dies ist die Geschichte von Sommerland. Jetzt, da ich beginne sie aufzuschreiben, sitze ich auf der Veranda unseres kleinen Holzhauses und lausche dem Wasserfall, der dem Auge verborgen hinter Himbeeren und lichtem Birkenwald sein leises Lied singt. Er singt von der Dauer und vom Wandel aller Dinge. Heute ist sein Lied etwas lauter, es hat geregnet und die Abendsonne bringt die letzten Tropfen an Gräsern und Bäumen zum funkeln.

Ich schreibe diese Geschichte nicht allein auf, auch wenn meine Hand es tut. Der Wasserfall, der Wald, die Lichtung, auf der unsere Häuser stehen, die Abendsonne, ja das ganze Tal, in dem wir nun leben, sie schreiben mit. Neugierig was ich denn da treibe, eifrig wie Kinder teils, dann wieder bedächtig nickend, umstehen sie mich, spornen mich an, verändern mein Werk und gestalten es mit. Der alte Eichenmann hält etwas Abstand, nur hin und wieder regt er sachte eine Blätterhand in milden Sommerabendwind, als wolle er sagen : „Ja mach mal, es wird schon werden, ich weiß ja worum es geht.“

Ein leichter Zwiebelgeruch, Klappern und Plappern in der Küche hinter mir, die Sonne am Horizont und mein Magen, alles deutet darauf hin, das ich nun bald zum Abendessen gerufen werde. Aber wenigstens das Vorwort will ich noch schreiben, damit ihr wißt, worum es geht und nicht denkt, es ginge mir allein darum, die Bäume und Bäche um mich mit Worten und Sprache zu versehen. Nein, nein, Sommerland ist schon ein Menschenort und es waren Menschenherzen, Hirne, Hände die ihn schufen. Aber wir taten das alles von Anfang an eben nicht allein, sondern in stetem Austausch mit den Lebewesen, die schon vor uns hier wohnten. Eine Hummel brummt mir gerade jetzt etwas zu selbstgefällig am Stift vorbei, aber ich will mich nun zur Ordnung rufen und so von Sommerland erzählen, daß ihr, die ihr in den Städten lebt, mich verstehen könnt.

Sommerland ist unser Dorf hier in den Bergen im Norden, ein sehr kleines zwar, aber hier gibt es alles, was wir zum Leben brauchen. Und der nächste Ort ist immerhin schon in 20 km erreichbar. Wir leben umgeben von Wald und Bächen in einem kleinen Bergtal, und wenn man dem Mühlbach folgt, erreicht man schon bald das Meer. Es ist eine geschützte Bucht, und Wasser und Land werden vom Golfstrom gewärmt. Ja, jetzt im August steht ein Schälchen neben mir mit frischen Erdbeeren und Kirschen aus unserem Garten.

Heute abend liegt alles besonders friedlich da. Mit dem weißen Rauch aus den  Hütten steigt auch in mir die Erinnerung empor an den alten Mythos vom  Sommerland, dem Traumland, wo zufriedene Menschen in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben, wo kein Mangel herrscht und der Wohlstand der Gemeinschaft auf einem sehr achtsamen Umgang, ja sogar Freundschaft mit den anderen Lebewesen des Platzes beruht. Und weil es dieses Bild vom Friedensreich, von immer wiederkehrender Frische und Schönheit, vom ewigen Sommer tief in unserer Erinnerung gibt, haben wir auch unser Dorf Sommerland genannt, obwohl wir ja erst vor ein paar Jahren begonnen haben, hier zu siedeln.

Nicht daß ihr nun denkt, es sei immer so ruhig und harmonisch hier wie am heutigen Abend. Nein, es liegen Jahre der Arbeit, der Auseinandersetzung, von Konflikten, Irrwegen, Krisen und Verzweiflung hinter uns. Wir sind auch noch nicht fertig mit dem Aufbau unseres Dorfes. Es ist nicht einfach ein schöner Traum, der uns nun in den Schoß gefallen wäre, nein, wir sind einen langen Weg gegangen.

Einige von uns sind umgekehrt, weil sie den Glauben an das Ziel verloren haben, anderen gefiel es unterwegs so, daß sie woanders bleiben wollten. Ich kann mich noch an alle erinnern, die kamen und gingen, die ihrer Sehnsucht folgten oder die verlorengingen. Unser Weg konnte nicht ein Weg für alle sein, das wußten wir von Anfang an. Viele wollten gar nicht nach Sommerland, sie hatten andere Ziele, und es war oft ein schmerzhaftes Ringen, bis wir voneinander wußten, wohin die einzelnen tatsächlich wollten. Dreimal haben wir die Gruppe ganz auflösen und neu anfangen müssen. Einige haben diesen Prozess nicht verkraftet, aber andere haben wieder zusammengefunden und berichten von anderen, auf anderen Wegen zu anderen Orten.

 

Heute wissen wir, daß Sommerland nicht allein existiert, es gibt immer mehr Orte dieser Art, so verschieden sie auch sein mögen, aber die Zahl derer, die wieder auf den Pfaden der Erde wandeln, wächst beständig.

Ich weiß nicht, ob ich selbst den Weg nach Sommerland gefunden hätte, wenn ich vorher gewußt oder geahnt hätte, durch wieviel Arbeit, Schmerz und Irrungen er mich führen würde. Aber ich habe ihn nicht vorher gekannt, ich bin ihn gegangen,bis zu diesem stillen Sommerabend hier auf meiner Veranda beim braunen Bier und mit meinem Notizbuch.

Und so kommt es, daß ich euch erzählen kann von Sommerland. Sommerland war lange ein Bild in mir, für das ich keinen Namen hatte. Aber die Leuchtkraft dieses Bildes hat mich nie verlassen, in keiner Dunkelheit. Und so leben wir nun tatsächlich hier. Und ich kann sie euch erzählen, die ganze Geschichte, von unserem Weg, wie wir zusammenkamen und wie wir den Platz gefunden und uns eingerichtet haben, denn ich war dabei, von Anfang an.

 

 

2. Sechs Ebenen einer etwas komplexeren Motivation

 

Was haben wir eigentlich gesucht auf diesem Weg, wohin sollte es denn genau gehen?

Für was in unserem Leben steht der Name Sommerland?

 

2.1. Die Idylle

Da möchte ich zuerst mal mit einem ganz persönlichen Wunschbild anfangen, das mir Triebfeder war, und von keinem Realitätssinn, keiner Therapie oder esoterischen Lehre (es doch lediglich als Symbol für einen innerpsychisch zu leistenden Integrationsprozess anzusehen) genommen werden konnte. Nein, in einer Mischung aus jugendlichem Eifer und pedantischem Starrsinn hatte ich es darauf abgesehen, das Bild doch tatsächlich und in der Außenwelt, also materiell, zu verwirklichen.

Es ist ganz einfach:

Ich lebe zusammen mit meiner Frau, Freunden und Kindern in Holzhäusern am Waldrand. Wir leben einfach und naturverbunden, mit wenig materiellem Aufwand, viel Lust und Wärme miteinander, mit dem ganzen Ort um uns herum. Und wir gestatten uns dennoch, geistig die ganze Welt zu umfassen.

Dieses persönliche Bild tauchte dann, vielleicht in abgewandelten Details aber doch sehr ähnlich bei immer mehr Menschen auf, denen ich begegnete. Und damit beginnt nun unsere gemeinsame Geschichte.

Warum in kleinen Gruppen weg aus der Stadt und wieder in der Natur leben?

 

2.2. Der Überlebensort

Neben der Idylle war Sommerland auch von Anfang an ein Überlebensort. Den meisten von uns war die Erkenntnis gemeinsam, daß das Leben wie wir es als Kinder noch gekannt hatten in dieser Form in dieser Gesellschaft in dieser Zeit so nicht weiter gehen würde. Patriarchat, Kapitalismus, Umweltzerstörung und die immer tiefer gehenden sozialen und seelischen Entkoppelungen unserer Zivilisation hatten eine Endzeit geschaffen, die mit Konsumterror, Endfremdung von allem und jedem, zunehmender Gewalt, Verrohung und Verblödung, sowie wachsender Perspektivlosigkeit ihr Haupt erhob, um die hohl gewordenen Bilder von Frieden und Ordnung unserer bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Vorfahren unwiderruflich zu verschlingen.

Egal ob man die Vorstellung  „die Polizei beschützt das Eigentum rechtschaffender Leute“ als zu bekämpfenden Mief oder als heimlichen Wunsch gesehen hatte, diese Zeit ging zu Ende. Der  Zusammenbruch der uns bekannten individuellen und sozialen Sicherheitsysteme war absehbar geworden.

So sahen einige eine Art Apokalypse auf uns zukommen, die zu überleben man nun ganz konkrete Vorsorge treffen müsse. Andere sahen die kommenden Veränderungen eher als globalen Reinigungsprozess, mit dem ein neues goldenes Zeitalter eingeleitet werde. Und eine dritte Gruppe wiederum behauptet einfach, es werde sich gar nichts so grundlegend ändern, gewisse Verwerfungen habe es immer schon gegeben und früher noch viel schlimmere.

Die letzteren wären wohl kaum motiviert gewesen, einen Überlebensort aufzubauen, wenn sie nicht eine Art spielerisches Vergnügen an Katastrophenprophylaxe und Vorratswirtschaft und ein eher ästhetisches Verhältnis zur Nachhaltigkeit entwickelt hätten .

Unsere Stärke als Gruppe bestand in diesem Punkt darin, keine der drei Positionen zu diskriminieren, sondern die verschiedenen kreativen Kräfte der drei verschiedenen Motive zu einem gleichermaßen effektiven und unverbissenen Konzept zu vereinen, welches bei aller Vorsorge auch die Lebensqualität im Hier und Jetzt im Auge behielt.

Konkret hieß das, der Ort mußte groß genug sein, um einer Gruppe von 30 bis 120 Menschen (so verschieden waren am Anfang unsere Vorstellungen von Mindest-, und Höchstzahl einer funktionsfähigen Gemeinschaft) das Zusammenleben zu ermöglichen.

Er sollte dennoch bezahlbar sein, sodaß wir auch mit einer kleinen Gruppe von 6 bis 10 Menschen anfangen und das Ganze erst später ausbauen könnten.

Er mußte in den Bergen liegen, mildes Klima haben, eigenes Wasser, Wald und Wildnis, Garten und Nutzland haben, sodaß wir einen Großteil unserer Lebensmittel dort notfalls selbständig produzieren könnten. Wir suchten also 5 bis 20 ha Land, möglichst abgelegen, erhöht und im Einzugsgebiet des Golfstroms.

Nun waren wir nicht die einzigen und die ersten, denen solch ein Ort vorschwebte. Und einige von uns hatten auch schon Erfahrungen mit anderen Gemeinschaftsprojekten gemacht, und immer gab es dabei einen heißen Punkt, der ungelöst blieb.

 

2.3. Eros und Heimat

Bei uns kamen also Menschen zusammen, die vom Gedanken beseelt waren, ihre Wünsche nach Heimat und nach Eros nicht mehr gegeneinander zu richten, sondern miteinander zu verbinden. Wir hatten keine klaren Vorstellungen, wie das zu bewältigen sei, aber eine Menge nützlicher Vorerfahrungen. Das bedeutete zunächstmal für die Gemeinschaft: ein Höchstmaß an Toleranz gegenüber den verschiedensten Bedürfnissen, sich sexuell zu begegnen. Und Toleranz meint hier nicht eine theoretische Akzeptanz aller möglichen Formen, sondern eine ganz praktische und tief empfundene Bereitschaft, nicht nur die eigenen Wünsche sondern auch die Bedingungen der anderen absolut zu respektieren. Das war keineswegs selbstverständlich und forderte eine Menge täglicher Bewußtseinsarbeit.

Ich selbst hatte in einem Vorgängerprojekt sehr auf die Einführung der mutterrechtlichen Gruppenehe gesetzt, da ich das Monogamiedogma von Ehe und Kleinfamilie aufheben wollte. Andere hatten aus ähnlichen Gründen auf die freie Liebe gesetzt. Gemeinsam war uns nach all diesen Erfahrungen die tief empfundene Ablehnung jeder Art von erotischer Monokultur, die Anderslebende ausgrenzt, sozial vernichtet und ihrer menschlichen Heimat beraubt. Das geschieht im Namen der Ehe genauso wie unter dem Banner der freien Liebe oder unter anderen Dogmen.

Wir waren uns einig, daß gerade der intime Bereich, wie Frauen und Männer miteinander umgehen, für das Scheitern oder den Erfolg einer Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung war. Und wir hatten kein Rezept dafür, eher mehr Fragen als Antworten. Aber wir waren wach genug für das Thema und unsere Stärke als Gruppe bestand darin, einander in diesen Bereichen sehr genau zuzuhören und uns gegenseitig gleichermaßen zu fördern wie auch zu akzeptieren.

Wir konnten und wollten nicht zu einem Einpunkteprojekt werden und unsere ganze Aufmerksamkeit unseren sexuellen Mustern und erotischen Umgangsformen widmen, wiewohl wir diese Ebene stets wachhielten.

Wir wollten uns nicht in ein soziales Experiment begeben, das nur auf dieser Ebene kreiselte.Wir wollten eine Siedlung aufbauen, die auch praktisch und auf anderen Ebenen, die auch ökonomisch und ökologisch funktioniert. Unter Lebensqualität verstanden wir ein ganzheitliches Gemeinschaftsgeflecht unter allen Aspekten: körperlich, emotional, mental, sexuell und spirituell.

 

2.4. Heimat und der Platz

Und damit haben wir die 4. Ebene gemeinsamer Motivation erreicht. Sommerland sollte kein soziales Experiment im abgehobenen menschlichen Raum sein, sondern eine Gemeinschaft aller Lebewesen eines Ortes. Wir leben zwar als Frauen und Männer zusammen, aber auch mit Kindern, mit Tieren, Pflanzen, ja mit dem Land selbst. Nicht nur der einzelne Baum, auch der Wald oder ein Fluß, ein Berg oder eine Lichtung, die Abendsonne, die Hummel oder ein Fels gestalten den Ort mit, an dem wir leben. Die meisten von ihnen waren schon vor uns da, andere kamen mit oder nach uns auf den Platz.

Aber wir alle zusammen, menschliche und nicht-menschliche Bewohner dieses Platzes prägen die Luft und das Wasser, die Stimmung und den Geist dieses Ortes.

Dieser Ort ist Sommerland, nicht unsere Menschengruppe allein.

Als die ersten von uns ankamen, hatten wir natürlich jeder sofort Vorstellungen von der Gestaltung des Platzes im Kopf. Und natürlich gab es auch gemeinsame ökologische Vorstellungen und Konzepte. Aber eines unserer Konzepte war eben auch, mit den anderen Lebewesen und Kräften des Platzes, ja mit dem Platz selber zu kooperieren.

Wir stürzten uns also nicht gleich in Aktivitäten, sondern versuchten erstmal, den Platz wahrzunehmen.

Wir ließen uns Zeit, um von den Lebewesen und dem Platz soviel wie möglich zu erfahren. Anfangs benutzten wir dazu Techniken aus dem theatralen, schamanischen und tiefenökologischen Kontext, um uns für diese Art der Komunikation zu öffnen. Heute ist es für viele von uns ganz selbstverständlich, mit Bäumen oder Tieren zu „sprechen“.

Es entstand eine Art Dialog zwischen der Menschengruppe und den anderen Bewohnern des Platzes. Und heute sind wir zu einer Gemeinschaft geworden.

Schon wieder fliegt die Hummel um den Stift, dabei ist es eigentlich schon zu dunkel für sie.

Ich zünde eine Kerze an, trinke einen Schluck Bier und halte inne, um den nächsten Satz in mir tiefer entstehen zu lassen. Ja, erst jetzt, in dieser Gemeinschaft, die das ganze Biotop umfaßt, ist Heimat für mich wieder eine dreidimensionale leuchtende Realität geworden, vorher war es nur ein Wort für das Gefühl fehlender Verbindungen. Wir haben begonnen, die Erde wieder zu bewohnen.

 

2.5. Das tiefenökologische Netz

Auf der nächsten Ebene begriffen wir die ökologische und politische Dimension unseres „Wohnens“ auf der Erde. Natürlich ging es uns beim Aufbau von Sommerland um die Erfüllung ganz persönlicher Lebenswünsche und doch, oder gerade dadurch, traten wir ein in eine tiefere Verbindung mit der Ökologie unseres Platzes, als dies vorher ohne den Platz und nur über menschliche Vorstellungen zur Ökologie möglich war. Es ging nicht mehr darum, moralische Werte aufzubauen oder andere Normen ökologisch ausgewogener Konzepte zu erfüllen.

Dadurch, daß wir unsere Gemeinschaft nicht nur weiter als auf die Menschengruppe bezogen definierten, sondern auch praktisch mit den anderen Lebewesen und Kräften dieses Ortes lebten, veränderten wir uns und den Platz. Man könnte es eine Vergrößerung des Selbst oder ein erweitertes Wir-Gefühl nennen, welches dabei entsteht. Der Geist unseres Platzes ist ein Ganzes geworden. Ähnlich wie ich einzelne Körperteile als zu mir gehörig empfinde so wird es auch immer mehr den verschiedenen Ebenen dieses Platzes gegenüber.

Wenn diese Erfahrungen mehr Menschen zugänglich wären, bräuchte es keinen moralischen Imperativ mehr um ökologisches Bewußtsein aufzubauen. Tiefe Ökologie ist keine Wissenschaft mehr, die mittels systhemischen Denkens die Umwelt zu verstehen versucht, sondern ist einfach Leben mit der Natur.

Und wo eine Menschengruppe achtsam einen Platz wiederbewohnt, da entsteht Liebe zu diesem Platz, die seine entseelte Vernutzung schon aus eigenstem Inneren heraus nicht zulassen kann.

Ein tiefes Unbehagen entsteht gegenüber einer Kultur, die die Lebendigkeit der uns umgebenen Welt leugnet. Ähnliches mochten vielleicht die Indianer empfunden haben, als sie den Umgang der Weißen mit ihrem Land erlebten.

Wir haben mit unserem Dorf eine tiefenökologische Modellsiedlung geschaffen, die nicht nur uns und diesem Platz zugute kommt, sondern wir haben damit auch ein politisches Signal gesetzt, welches zeigt, daß ein sinnlich und sinnvoll gelebtes Leben in einer Gemeinschaft von Menschen und Natur mehr Menschlichkeit, Lebendigkeit und Attraktivität ausmacht, als die Verfolgung virtueller Größen, wie zum Beispiel der Zinssteigerung.

Durch den Modellcharakter von Sommerland ist uns auch die politische Dimension klargeworden, in die wir uns begeben, wenn wir beginnen einen Platz zu bewohnen, statt aussterbende Megasysteme zu reparieren.

Noch sind wir global gesehen damit eine Minderheit. Aber wir sind auch Teil eines wachsenden Netzwerkes geworden. Immer mehr Orte der Erde werden von immer komplexer denkenden und empfindenden Menschen bewohnt. Die Teilnahme an diesem weltweiten Prozess der Wiederbewohnung der Erde erfüllt uns genauso mit Stolz und Befriedigung wie die Verwirklichung unserer privaten Wünsche.

 

2.6. Konvergenz

Somit kommen wir zur 6. Ebene unserer komplexen Motive für den Weg nach Sommerland,der geistig- spirituellen Ebene: für einige von uns war ja schon bei der Benennung der tiefenökologischen Dimension von Sommerland die Grenze des eigenen Denkens erreicht. Sich wohlfühlen auf einem schönen Fleck Natur, O.K., aber darin eine Wiederverbindung der Erde zu sehen? Wir konnten sie nicht mit Worten überzeugen. Der Platz tat es. Sie erfuhren es, auch wenn sie darin zunächst einen Rückfall in atavistische Bewußtseinsstufen befürchteten. Sie glaubten schließlich ihrem eigenen Erleben.

Andere hielten der tiefenökologischen Ebene esoterische Argumente entgegen. Es könne doch gar nicht um die Wiedereinwohnung auf der Erde gehen, das sei doch viel zu sehr materiell und äußerlich orientiert, schließlich seien wir geistige Wesen, nicht von der Erde sondern von den Sternen.

Selbstverständlich konnten wir auch sie nicht mit Argumenten überzeugen. Ja es ging uns auch nicht darum, ein einheitliches Menschen- oder Weltbild aufzubauen. So erklärten wir denen von den Esoterikern, die mit uns siedeln wollten, O.K., aber selbst wenn wir geistige Wesen und nicht von der Erde sind, dann sind wir doch hier in der Materie und in unseren Körpern zu Gast, oder? Da sie dabei meist freudig nickten, sagten wir ihnen, O.K., wenn wir hier also zu Besuch sind, dann benehmen wir uns als höfliche Menschen doch auch bitte so und behandeln alles zur Gastgeberin gehörende höchst pfleglich. Spätestens an dieser Stelle wurde meist deutlich, daß es zur Wiederversöhnung mit der Natur Wachheit, Liebe und ein bischen gesunden Menschenverstand braucht, aber keine neue zentralistische Weltanschauung, der alle zustimmen müssen.

Der spezielle Weg unserer Gruppe zurück zur Erde, unser Weg nach Sommerland, war gezeichnet von vielen Umwegen. Wir hatten keinen Guru und keine zentrale Ideologie. Aber wir waren offen für die Beobachtung was funktioniert und was funktioniert nicht.So wurden wir langsam zu Spezialisten für Konvergenz. Unter Konvergenz verstanden wir die Zusammenschau verschiedener Wege, die sich mit Heilung und Bewußtseinserweiterung und Vertiefung befassen, Wege zur Ganzheit von Mensch und Erde.

Wir holten uns die Weisheit der verschiedensten Schulen, ohne dabei ein festes Menschen- oder Weltbild für uns alle für verbindlich zu erklären. Mir persönlich sind die Wege näher zur Tiefenökologie, die von der Erfahrungsebene kommen, also magische, rituelle, schamanische und naturreligiöse Wege. Es gibt aber auch Menschen, die über die Kunst, verschiedene Wissenschaften, oder die Tiefenpsychologie, über asiatische Erleuchtungswege und sogar über die Offenbahrungsreligionen zur Tiefenökologie gefunden haben.

Im Sinne von Konvergenz kenne ich eigentlich nur ein Kriterium für die Beurteilung eines Weges:

Führt er zu mehr Wachheit und Liebe oder zu mehr Kontrolle und Macht?

Die Orte aus denen das wachsende Netzwerk besteht, mögen aus den verschiedensten Richtungen inspiriert worden sein. Und sicher hat jeder Ort und jede Gemeinschaft ihre ganz eigene Aufgabe und Funktion in der irdischen Evolution. Sommerland ist der Ort der Konvergenz, der Ort der Liebe zur Weisheit in den verschiedenen Wegen und der Liebe zur Erde in all ihren materiellen Manifestationen.

Der vom japanischen Schamanismus und Zenbuddhismus gleichermaßen beeinflußte Shintoismus sagt:

Das irdische Leben ist eine erstrebte Befriedigung für den göttlichen Geist.

 

 

Denn das Glück ist nur ein Nebenprodukt der Funktion,

wie das Licht nur ein Nebenprodukt des elektrischen Stromes ist,

der durch die Drähte fließt.

Deshalb findet keiner das Glück, der es um seiner selbst willen sucht.“

 

T.H. White in „Das Buch Merlin“

 

 

3. Das Leben in Sommerland

(Außenwelt, Zeiten, Rhytmen)

 

Zur Zeit leben 65 Erwachsene und fast 20 Kinder in Sommerland, außerdem haben wir 50 Gästebetten. Unser Land umfaßt 22 ha, ein kleines Bergtal mit einer halboffenen Lichtung, das Talinnere wird vom Wald abgeschirmt, das Gelände dahinter besteht aus Wildnis und geht direkt ins Gebirge über. Von dort kommt ein großer Bach, der unseren Talboden mäandrierend durchfließt, im Dorf fast zum Fluß sich weitet und hinter dem Dorf in einen See mündet. Er verläßt den See  wieder als wilder Bergbach und stürzt danach recht steil dem Meer entgegen. Der schmale Streifen bis an den Strand der geschützten Bucht und das Bootshaus mit dem Anleger dort unten gehören auch noch zu unserem Gelände. Ein paar kleine Bäche, eine Quelle unter dem Hügel am Waldrand, einige Fischteiche und ein Brunnen im Dorf schenken uns Wasser im Überfluß. Wir wohnen in einfachen Holzhäusern, ein- oder zweistöckig, die nicht zu dicht beieinander stehen. Überall dazwischen gibt es Wiesen, Weiden, Obstbäume und Gärten, am See sogar ein Getreidefeld.

Das Zentrum bildet unser Dorfplatz am Außenrand einer Biegung des großen Baches. Hier wächst auch eine Linde. Und hier steht unser Gemeinschaftshaus, als einziges vierstöckig und die beiden unteren Etagen sind aus Naturstein, die oberen aus Holz gefügt. Im Erdgeschoß liegt dort unser Gasthof, ein großes Kaminzimmer und verschiedene Büros. Der 1. Stock beherbergt unsere Bibliothek, einen größeren Salon, weitere Büros, sowie Bäder und Büroräume. Darüber gibt es verschiedene größere und kleinere Schlafzimmer. Der hintere Teil des Gebäudes geht über in den großen Saal von 300 qm mit 200 Sitzplätzen, dahinter ist ein kleiner stiller Raum von ca. 40 qm als Meditationsraum und an diesem ein kleiner Turm mit einer Glocke.

Mit seinem anderen Ende berührt der Saal fast das Gästehaus, welches wieder an das Seminarhaus anschließt. Daneben ist die Schule, das Kinderhaus und das neue Haus für die Jugendlichen. Weitere Gebäude schließen den Kreis, in denen verschiedene Werkstätten, Studios und Labors untergebracht sind, an den Rückseiten liegen oft Ställe, Schuppen und Lagerräume.

Wie gesagt, außer dem Gemeinschaftshaus (und dem Turm) bleibt alles aus Holz und nur ein- bis zweistöckig. Und hinter dem Häuserrund um den Dorfplatz stehen die Wohnhäuser eher vereinzelt, einige sogar sehr weit weg.

In den meisten wohnen sechs bis zwölf Menschen. Es gibt ein Haus, in dem nur Frauen wohnen und eines nur für Männer. In einem probieren acht Leute die Gruppenehe, in einem wohnen zwei Familien zusammen, in einem nur Paare und in einem anderen nur Singels. Es gibt auch kleinere Hütten für zwei oder nur eine Person, davon sind die wenigsten von festen Bewohnern bewohnt, die andern werden als Hochzeithäuser, als zeitweilige Einsiedelei oder als Gästewohnungen benutzt.

Dann gibt es noch den Campingplatz hinter dem Haus und die Freilichtbühne sowie unseren Ritualplatz hinter dem Saal.

Ich selber wohne zusammen mit meiner Frau und vier anderen Leuten in einem zweistöckigen Blockhaus zwischen dem Gemeinschaftshaus und dem Hügel am Waldrand. Von unserer etwas erhöhten Veranda kann man das ganze Dorf sehen, rechts am Waldrand gluckert ein kleiner Nebenbach und dahinter, verborgen vom Birkenwald, rauscht leise der Wasserfall eines anderen Nebenbaches. Zur linken, Richtung Gemeinschaftshaus, stehen ein paar alte Eichen, vor mir sehe ich Wiesen und Weiden, hinter dem Haus ist ein Garten und dahinter die Himbeerhecke.

Wie häufig, wenn ich an den Berichten aus Sommerland schreibe, ist es so zwischen 17 und 20 Uhr. Wir essen zur Zeit später zu Abend, da zwei unserer Mitbewohner in der Stadt arbeiten und täglich die weite Fahrt auf sich nehmen. Knapp die Hälfte unserer Bewohner arbeitet fest hier im Dorf, ein gutes Drittel hat halbe oder drittel Stellen hier und ist sonst freiberuflich tätig und nur einer hat einen Job hier und wohnt woanders.

Ich liebe die frühen Abendstunden im späten Sommer, wenn es nicht mehr heiß ist und die Abendsonne alles ein wenig stiller macht. Gerade wollte ich über zeitliche Strukturen in Sommerland schreiben und da nimmt mich das zeitlose Rauschen des Wasserfalls gefangen. Ja es ist wie mit dem Lied des Wasserfalls, ewig gleich und immer anders.

Am Anfang prallten bei uns sehr verschiedene Bedürfnisse aufeinander. Die einen brauchten ganz viel geregelte Zeiten, um sich wohlzufühlen, die anderen soviel Freiraum und Chaos wie möglich. Wir lösten das Problem nach unserer Devise, möglichst wenige, aber möglichst klare Regeln, und diese über lange Zeiträume ausprobieren.

Die erste Vereinbarung lautete, wir richten alle anderen Termine an den acht Festen des Jahresrades aus.

Diese dauern bei uns je zwei bis drei Tage, an Jul fünf Tage, wir begehen sie gemeinsam und das vier Jahre lang. Nach der Testzeit haben wir diese Praxis zur Dauerregel erklärt und sie funktioniert bestens.

Zum Julfest haben wir kein Gästebetrieb und gehen fünf Tage als Gemeinschaft in Klausur. Dort wird unter anderem die Planung für das nächste Jahr von der Gemeinschaft beschlossen, neue Bewohner und Kandidaten aufgenommen die KoordinatorInnen gewählt und ähnliche wichtige Beschlüsse gefällt. Da im Zentrum dieser Tage das Julritual und andere Festlichkeiten stehen, niemand sonst andere Verpflichtungen hat, ist in dieser besonderen Zeit quasi organisch auch die Jahreshauptversammlung unserer Genossenschaft, der unser Dorf formal-rechtlich gehört.

Ähnlich ist es an Ostara, Lithe und Mabon. Wir kommen zur Frühlings- und Herbst-Tag-und-Nachtgleiche sowie zur Sommersonnenwende für je drei Tage zusammen. Für Rituale, Beschlußfassungen, Festessen und Tanz.

Die vier anderen Jahresfeste dazwischen, Brigid, Beltane, Lughnasad und Samhein dauern bei uns nur je zwei Tage und sind mehr den inneren Themen gewidmet. Auch hier gibt es Fest und Ritual, aber weniger Beschlüsse und eher Beratungen im Plenum der Gemeinschaft.

Die klare Orientierung an diesen acht Punkten im Jahr hat die Gemeinschaft zusammengebracht, wie kaum etwas anderes, hat unsere Verbindung zu unserem Platz und den Zyklen der Natur vertieft und einzelnen wie mir, die ständig unter Zeitmangel und Terminchaos litten, einen soliden Grundrhytmus beschert.

An den acht Festen geht es um das Jahresrad und um die Gemeinschaft, Punkt aus!

Die zweite Vereinbarung lautete, den beiden oben genannten Extrempositionen jeweils optimal entgegenzu-kommen, in dem wir unser Jahr in sehr geregelte und absolut frei zu gestaltende Wochen aufteilten.

Die geregelten Wochen nennen wir Trimester und es gibt dreimal je zehn davon im Jahr:

Das Wintertrimester von Mitte Januar bis Ende März, das Frühlingstrimester von Mitte April bis Ende Juni und das Herbsttrimester von  Ende September bis Mitte Dezember.

Mit Jul und Ostara beginnen je drei Wochen Winter-, beziehungsweise Frühlingspause. Und im Sommer sind von Lithe bis Mabon 16 Wochen Sommerpause. Das heißt nun nicht, daß wir nur 30 Wochen arbeiten und 22 Wochen im Jahr Urlaub machen. Es heißt aber, daß in den 30die  Trimesterwochen vieles sehr viel geregelter und zeitlich strukturiert abläuft und in den 22 freien Wochen mehr Strukturlosigkeit, Flexibilität und individuelle Planung angesagt ist.

Da ich im Seminarhaus arbeite, heißt das zum Beispiel für uns, daß wir Blockwochen jeweils vor den Beginn der Trimesterserie legen, und auch im Juli gerne ein paar Kompaktseminare veranstalten. An den Wochenenden nach Ostara und Mabon finden zwei öffentliche Konferenzen statt, unser Frühlings- und unser Herbsttreffen. Und am Wochenende nach Lithe findet unsere große Sommertagung statt, mit dem Sommerfest und der anschließenden Sommerakademie.

Also, es sind nicht 22 Wochen Urlaub, und doch hat jeder von uns durch diese Strukturen viel mehr Freizeit und Planungssichereit gleichermaßen als vorher. Zwei Dinge waren uns bei dieser Entscheidung besonders wichtig: zum einen, klare Phasen mit Gästebetrieb und klare Phasen ohne viel Trubel zu haben. Zum anderen, gerade die Sommerzeit möglichst wenig mit Terminen einzuschnüren.

Früher mußte ich im Urlaub viel reisen, heute verbringe ich den Sommer gerne zu Hause. Im Oktober arbeite ich wieder einige Wochen im Büro im Gemeinschaftshaus. Dann genieße auch ich mal die strengere Struktur unserer 30 geregelten Wochen. Ich arbeite dann fünf Stunden am Tag im Büro von 9 bis 12 Uhr, gehe zum Lunch ins Gemeinschaftshaus und arbeite noch mal von 13 bis 15 Uhr. Dann ist Teezeit im Gasthof, falls ich eine längere Mittagspause machen will gehe ich nochmal von 15.30 bis 18 Uhr ins Büro. Um 19.30 Uhr gibt es zu Hause Abendessen.

Am Freitag kommen alle zum Tee im Gasthof zusammen, danach arbeiten wir circa eineinhalb Stunden zusammen da, wo viele Hände gebraucht werden. Und anschließend ist noch ein Plenum mit dem neuesten Tratsch aus der Gemeinde.

Manchmal ist auch noch Samstagvormittag eine gemeinsame Arbeitszeit angesetzt. Auf jeden Fall gibt es am Sonntag um 19 Uhr eine gemeinsame Stunde mit Vorlesungen oder anderem und danach ein gemeinsames Essen, während sonst die meisten eher bei sich in den Wohngruppen essen.

Und da ich Koordinator des Seminarbetriebes bin, treffe ich mich am Montag von 13 bis 15 Uhr, mit meinen MitarbeiterInnen und um 15.30 Uhr zur Sitzung des Koordinationsrates, der zwischen unseren großen Versammlungen die Geschäfte regelt. Diese Zeiten, wie auch die Zeit für Gemeinschaftsarbeit am Freitag; sowie pro Nase zwei Stunden wöchentlich für Hausarbeit in den Wohnhäusern sind voll in die Pläne der verschiedenen Arbeitsbereiche integriert und werden als Arbeitsstunden angerechnet.

Aber soviel Struktur gibt es erst wieder im Herbst. Heute morgen habe ich unseren Ziegenzüchtern beim Ausbessern eines Zaunes geholfen, heute nachmittag mit ein paar meiner Studenten eine Bergtour für die nächste Woche vorbereitet und dann im See gebadet. Und nun muß ich erst mal das Schreiben einstellen, denn heute bin ich dran mit dem Kochen des Abendessens. Und morgen gehe ich mit meiner Frau und zwei Freunden wandern. Ich muß nur abends pünktlich zurück sein da ich dann versprochen habe, als Kellner in unserer Kneipe auszuhelfen.

 

4. Von den Anfängen in Sommerland

( Abteilung 1 -3 )

 

Der kleine Wasserfall zu meiner Rechten singt heute leiser. Es war lange Zeit recht trocken. Die alte Eiche zu meiner Linken steht still und schweigt schläfrig. Die Himbeeren sind abgeerntet. Mein Sohn und seine Freundin haben das in den letzten Tagen erledigt. Ich sitze mit meinem Morgentee auf der Veranda und schaue auf die Weiden und Obstbäume vor mir.

Die Eberesche und die alten Haselsträucher standen schon dort, bevor wir kamen. Es gab auch ein paar Fichten am Bach, die haben wir gefällt, sie gehörten nicht dorthin, so sagte uns der Bach. Ja, der Platz äußerte seine Wünsche sehr klar. Die vorigen Besitzer des Geländes hatten das Tal gut behandelt, aber um das alte Haus, welches nun unser Gemeinschaftshaus war, hatten sie doch ein wenig die Geister des Platzes verstört, als sie ihrem Geschmack entsprechend die Fichtenhecke pflanzten. Wir haben das wieder geändert, ja bis auf den Bereich, den wir ausdrücklich als Wildnis unverändert ließen, haben wir einiges hier an der Natur geändert. Aber wir sind nie starr nur nach unseren Plänen vorgegangen. Es gab zu allen Eingriffen immer ausführliche Beratungen mit den Lebewesen des Platzes. So konnten wir nicht wie beabsichtigt den Turm auf dem kleinen Hügel am Waldrand bauen, weil der Hügel uns unmißvertändlich klar machte, sein Gipfel sei ein Elfentanzplatz, wir könnten ihn auch gerne nutzen, aber bitte kein Gebäude draufsetzen.

Ich trinke meinen Tee aus und muß schmunzeln bei dem Gedanken, wie der eine oder andere Leser nun die Stirn runzelt, bei der Vorstellung, den Platz im Dialog mit der Natur zur gestalten. Doch es war so, besucht uns und überzeugt euch!

Heute habe ich den ganzen Tag frei, es wird warm werden, und ich sitze schon am Morgen hier, um von Sommerland zu berichten. Eine gute Zeit, um das Kapitel von den Anfängen zu schreiben, von unserer Ankunft auf dem Platz.

Es war eine spannende Begegnung: der alte Platz und seine junge Braut, fast wie Flitterwochen.

Der Platz, das Tal, war natürlich viel älter als unsere Menschengruppe. Wir waren acht Menschen und erst seit eineinhalb Jahren zusammen. Der Platz hatte seit Jahren wenig Kontakt mit Menschen gehabt. Die früheren Besitzer waren weggezogen. Und die Zeit der landwirtschaftlichen Nutzung lag noch viel länger zurück.

Wir hatten uns intensiv vorbereitet. Wir hatten den ersten Visionsentwurf gemeinsam bearbeitet und uns konzeptionell zusammengerauft. Wir hatten einiges an gemeinschaftsfördernden Prozessen und Erfahrungen miteinander erlebt. Wir hatten eine Genossenschaft gegründet, um den Platz gemeinsam zu erwerben. Wir waren zusammen gewandert, hatten Rituale zusammen entwickelt und waren theoretisch in die Gedanken der Tiefenökologie eingestiegen. Wir hatten auch schon in Baumzeremonien und anderen Verfahren geübt, mit der nichtmenschlichen Mitwelt zu kommunizieren.

Es war Juni als wir ankamen. Vier von uns konnten gleich dableiben, die anderen vier hatten bis Oktober Zeit und würden dann erst zu Jul einziehen. Wir bauten Zelte auf und lagerten zehn Tage wie flüchtige Besucher auf dem Platz. In der Zeit entstand der aktuelle Aufbauplan noch einmal neu.

Wir hatten uns für die Anfangsphase von vier Jahren vorgenommen, von unseren neun geplanten großen Bereichen zuallererst drei zu verwirklichen. Das waren erstens die äußere materielle Gestaltung des Platzes und der Bau der ersten Gebäude, dann die Anlage von Gärten, Weiden, Obstbäumen und ähnlichem und schließlich eine ausreichende Basis, um auch unseren Freunden mit Kindern den Zuzug zu ermöglichen, das heißt ein Haus für die Kinder und möglichst bald eine Grundschule (Leute und Konzept für eine freie Schule hatten wir bereits, nun mußte Kontakt zum Umfeld aufgenommen werden).

Allein für den ersten Bereich hätten wir gut zwei dutzend Fachleute gebraucht, die sich mit Geomantie, Landschaftsgestaltung, Wald-, Wasser- und Forstwirtschaft, Tief- und Straßenbau, Kanalisation, alternativen Energieverfahren, Heizungsbau, Kläranlagen, Kompostierung, Recycling, Holzbauweise, Naturstein und Zement, Sanitäranlagen, Elektro- und Metallarbeiten, Architektur, Tischlerei und Dachdeckerei auskannten.

Heute haben wir in dem Bereich die Experten für das alles, aber damals waren wir auf die Hilfe unserer Freunde angewiesen, und die kamen und zwar gerne.

Ende Juli war unser erstes Workcamp mit Gästen. Zehn Tage vorher kam die Bauleitung angereist. Zwei aus der Siedlerkerngruppe kannten sich mit Landschaftsarchitektur und Sanitäranlagen aus. Außerdem hatten wir fünf weitere Genossenschafter, die nicht selber gleich mit einziehen wollten, aber den Aufbau mitgestalteten. Darunter eine Architektin, ein Schreinermeister und ein Holzhäuserbauer, der den Aufbau unseres Dorfes später für seine Firma vermarkten wollte.

Neben diesen und uns kamen zum ersten Aufbaucamp noch insgesamt fast 20 weitere Freunde und Helfer. Es dauerte sechs Wochen und ging dann in kleinerer Besetzung noch bis Oktober weiter. Die Leute bezahlten ihre eigene Anreise und brachten eigene Zelte mit. Wir, die wir nicht direkt zur Bauleitung zählten, verpflegten sie umsonst, sorgten für ein paar echte freie Tage und gestalteten ein Rahmenprogramm, in dem es um Naturerfahrung, Kommunikation mit den nichtmenschlichen Lebewesen, Ausflüge in die Berge, Einführung in die Tiefenökologie, Gemeinschaftserfahrungen und die Grundlagen des Konzeptes von Sommerland ging.

Es war ein unvergeßlicher Sommer, dieser erste in Sommerland. Man merkte es auch der Natur um uns an, wie sie frohlockte. Nie zuvor war eine Gruppe von Menschen diesem Tal so bewußt, behutsam und liebevoll begegnet.

Natürlich gab es auch Reibungen und Verwirrnis bei so viel neuen Leuten auf einen Platz. Aber wir als Kerngruppe waren gut vorbereitet und entschlossen, die Leitung des sensiblen Prozesses in der Hand zu behalten.Als die anderen das merkten, hatte auch kaum jemand Probleme, uns als Autorität hier anzuerkennen.

Am Ende des Sommers wollte die Hälfte der Workcampgäste am liebsten sofort bleiben oder im nächsten Frühjahr einziehen. Sieben kamen dann tatsächlich. Heute wohnen zwei drittel der damaligen Teilnehmer fest auf dem Platz.

Doch zunächst wurde es stiller im Herbst, einzelne Fachleute, teils auch gegen Bezahlung, reisten an, vereinzelte Bautätigkeiten liefen weiter. Und zwei von uns reisten in der Nachbarschaft herum und knüpften Verbindungen.

Am Ende des Jahres war das alte große Haus, was wir vorgefunden hatten, fertig umgebaut und renoviert, drei kleinere alte Hütten waren als Werkstätten fertiggestellt, eine  als Wohnhaus neu gestaltet und eine weitere abgerissen worden. Das Kinderhaus und das Gästehaus waren neu errichtet und im Rohbau fertig.

Zum Julfest und unserer ersten Gemeinschaftsklausur in Sommerland (damals noch mit Gästen) waren wir gut zwei dutzend Menschen. Dann waren wir im Winter wieder alleine, schmiedeten Pläne, arbeiteten an Details oder fuhren auch jeweils für ein paar Wochen in die Stadt, um dort zu arbeiten und Geld zu verdienen.

Im April des zweiten Jahres gab es ein kleines Workcamp, dann das große im Sommer, mit fast 40 Gästen, im Oktober arbeiteten noch 15 Leute als Workgäste. Und am Ende des zweiten Jahres in Sommerland waren das Kinderhaus, die Schule, das Gästehaus und mehrere Wohnhäuser fertig, Halle und Turm standen im Rohbau. Zum zweiten Julfest waren wir diesmal fast 40 Leute, die Genossenschaft hatte sich auf 45 vergrößert und wir acht nahmen nun zwölf neue Menschen als feste Mitbewohner auf.

Das dritte Jahr verlief ähnlich, die Halle, das Seminarhaus und weitere Wohnhäuser und Hütten wurden fertig, wir hatten nun auch genug fachkundige Mitbewohner, um Gartenbau, Ziegen- und Schafherde und Fischzucht zu beginnen. Die ersten Kinder waren eingezogen und zusammen mit acht Kindern aus den Nachbardörfern wurde unser eigener Kindergarten im Kinderhaus eingeweiht.

Noch konnten nur wenige von uns von ihrer Arbeit auf dem Platz selber leben. Viele nahmen oft weite Wege auf sich, um woanders Geld zu verdienen. Zu Jul kam der ganze Freundeskreis zusammen, Brigid, Ostara und Samhein feierten wir unter uns, aber in der warmen Jahreszeit, zu Beltane, Lithe, Lughnasad und Mabon kamen nun auch die Freunde von außerhalb regelmäßig.

Im vierten Sommer konnten wir zum letzten mal alle die wollten zum Sommerworkcamp annehmen. Es war das letzte große Aufbaucamp. Aus dem Rahmenprogramm hatte sich mittlerweile eine Sommerakademie entwickelt. Und am Wochenende nach Lithe fand unser erstes öffentliches Sommerfest statt. Ca. 150 Leute kamen. Ein extra Haus für Jugendliche wurde noch gebaut. Die Schule und die Freilichtbühne eingeweiht und Hütten für Gäste errichtet. Die bisher interne Gaststube wurde nun zum durchgehend geöffneten Gästebetrieb und die interne  Coop-Verkaufsstelle zu einem regelmäßig geöffneten Laden. Eine neue Phase stand bevor.

 

5. Sommerland wird ein Dorf

(Abteilung 4 - 6)

 

Mittlerweile ist es Mittag geworden, es ist warm und still, die Kinder sind fast alle am See, viele sind heute zu Ausflügen unterwegs, es herrscht Urlaubsstimmung, aber fast niemand von uns fährt weg. Es ist August, es sind auch keine Seminare oder Gästeveranstaltungen, nur ein paar Privatgäste leben in der Pension und eine Gruppe Bergwanderer wird morgen anreisen, um mit mir eine mehrtägige Tour durch die umliegenden Berge zu machen.

Ich habe mir etwas Ziegenkäse geholt und trinke Apfelmost dazu. Ja die Aufbaujahre hatten ihren eigenen Charme, wir lebten als kleine Kerngruppe von anfangs acht, später 35 Leuten fest hier und nur zu den Jahresfesten und im Sommer strömten alle unsere Freunde nach Sommerland. Aber wir hatten in diesen vier Jahren die Grundstrukturen aufgebaut und soviel investiert, daß wir nun im fünften Sommer den nächsten Schritt wagten und Produktion und Dienstleistung, die uns sinnvoll erschienen bei uns im Dorf installierten, um damit mehr Menschen von uns die Möglichkeit zu schaffen, hier dauerhaft zu leben.

Die Fachleute aus der Gelände - und Gebäudeaufbauphase hatten nun weniger bei uns zu tun und suchten andere Aufträge. Unser Holzbauunternehmer siedelte sich nun ganz und mit seinem Betrieb bei uns an. Es entstanden mehrere Ingenieur-, Architektur-, Umwelt- und Planungsbüros und Werkstätten aus unserem ersten Bereich.

Landwirtschaft und Gartenbau waren konzeptionell auf Selbstversorgung und nicht auf Expansion auf große Märkte ausgerichtet. Dennoch gab es Überschüsse, und aus deren Verkauf entwickelten sich erste Handelsbeziehungen, Gemüse und Obst in geringem Umfang, etwas Ziegen- und Schafskäse am Anfang. Später Fisch und Honig. Im 5. Jahr schafften wir uns Schweine und Geflügel an und bauten Kartoffeln in großem Stil an. Ebenso begannen wir, Strom zu verkaufen. Was wir mit Wind und Solaranlagen produzierten, hätte nicht mal den Eigenbedarf gedeckt. Aber mit der Energiegewinnung aus Wasserrädern und Turbinen erwirtschafteten wir sogar Überschüsse. Rinder kamen im 6. Jahr, Pferde im 7. Jahr (auf Wunsch der Kinder) nach Sommerland.

Getreideanbau wollte niemand machen. Er schien sich für unsere kleine Fläche auch nicht zu lohnen. Aber als im 5. Jahr jemand eine Mühle an ein Wasserrad anschloß und in Betrieb nahm, daneben später die eigene Bäckerei entstand und schließlich sich sogar ein pensionierter Braumeister bei uns niederließ und zwei begeisterte Mitarbeiter fand, die unter seiner Anleitung anfingen, eigenes Bier zu brauen, da kam dann doch der Wunsch auf, es auch mal mit eigenem Getreide zu versuchen.

So haben wir im letzten Jahr zum ersten Mal eine Ernte eingebracht, es war neu, und viele haben gerne geholfen. Unsere Bauern haben ein Händchen dafür, höchst motivierende Erntearbeitsfeste zu gestalten. Aber ob sich das ganze über die Freude an der gemeinsamen Arbeit hinaus (die ja auch erstmal neu war) wirklich rentiert, werden wir erst nach Abschluß der vierjährigen Testphase entscheiden.

Schon während der ersten Jahre gab es einen internen Laden. Er diente zunächst dem Einkauf, denn wir brauchten noch vieles von außen. Diese Funktion hat er auch heute noch, aber er wurde schließlich auch zur Zentrale der Lebensmittelkooperative, die unsere Überschüsse verkauft, und hat heute eine wichtige Funktion im Dorf und der Region übernommen. Viele Einzelbereiche, die sich in der Region nicht rentierten, sind hier in einer Art Drugstore zusammengelegt worden. Unser Laden ist klein, aber er hat fast alles, oder man kann dort fast alles bestellen. Und das hat sich herumgesprochen, sodaß heute auch regelmäßig Menschen von außerhalb zum einkaufen kommen.

Einige Nachbarn bringen ja auch regelmäßig ihre Kinder zu uns in den Kindergarten und die Schule. Vor zwei Jahren haben wir nun auch einen Abholdienst organisiert. Die Sommerlandpädagogik hat auch Menschen überzeugt, die nicht selbst bei uns wohnen, sodaß unsere Kinder fast in allen Gruppen auch mit Kindern von außen zusammen spielen, leben und lernen.

Die Kinder, die das wollen, können auch im Kinderhaus zusammen wohnen. Die Sommerlandpädagogik fußt im wesentlichen auf Summerhill, indianischen Lehren und der modernen Tiefenökologie. Unsere Kinder haben von klein auf Kontakt zur Natur, der nicht von Erwachsenen geregelt wird. Und unsere Grundschule ist nicht in die herkömmlichen Schulklassen unterteilt. Die erste bis vierte Klasse lernen zusammen, die Kleineren lernen von den Größeren. Der Unterricht ist sehr erlebnisorientiert und neben unseren beiden Lehrern sind fast alle im Dorf mal dort oder die Schule bei ihnen, um die Arbeiten und Fertigkeiten der Erwachsenen kennenzulernen. Unbegleitetes Spielen und begleitete Abenteuertouren gehören fest in den Unterricht. Schreiben, Lesen und Rechnen sind keine Extrafächer, sie werden meistens nebenbei während bestimmter Abenteuer erlernt.

Die Zehn- und Elfjährigen (die Großen) haben einen Extraverband. Sie gehen zur Sommerlandbasisschule. Diese haben wir als Zusatzschule eingerichtet, solange wir noch keine eigene  weiterführende Schule haben. In der Basisschule geht es dann richtig um Wissen und Fertigkeiten, dann wenn die Kinder statt spielen auch etwas können wollen, geben wir ihnen Wissen und Anleitung zum praktischen Tun. Ungefähr ein Drittel ist dort Theorieunterricht, ein Drittel handwerklicher oder künstlerischer Natur und ein Drittel ist lernen in und von der Natur.

Frühestens mit 12 spätestens mit 14 können sie vom Kinder- ins Jugendhaus umziehen. Für die 12 bis 14jährigen findet dort schulbegleitend die Initiationsgruppe statt. Dort nehmen sie bewußt Abschied von der Kindheit und werden von den Erwachsenen auf das Erwachsenenleben vorbereitet. Mädchen lernen von Frauen und Jungen lernen von Männern. Sie wissen, nach der Initiationsfeier kommen Pflichten und Aufgaben als Erwachsene auf sie zu. Jeder und Jede lernt einen Bereich im Dorf kennen, indem sie ab 15 regelmäßig mitarbeiten wird. Dann ist es endlich soweit. Alle die bis Lithe 15 geworden sind, werden am Sommerfest nach längerem Initiationsritual (wo sie unter anderem rituelles Fasten, Schweigen und Visionssuche erlernt haben) in den Bund der Frauen oder den Bund der Männer von Sommerland aufgenommen. Die anderen kommen dann halt nächstes Jahr dran.

Ähnliche, aber weniger aufwendige Übergangsriten werden zur Taufe, zum Schulbeginn und mit 18 zelebriert, wenn sie als vollberechtigte Mitglieder in die Erwachsenengemeinschaft aufgenommen werden.

Wie gesagt, viele finden unsere Pädagogik so sinnvoll, daß wir nicht nur Kinder und Jugendliche aus den Nachbardörfern bei uns haben, sondern auch eine Art Internat für die, die von weiter weg kommen.

Für einige gibt es auch Lehrstellen bei uns im Dorf. Neben den schon genannten Betrieben haben sich in den letzten Jahren noch bei uns angesiedelt: eine Tischlerei, eine Schlachterei, eine Druckerei, ein Musikverlag, eine Computerzentrale, ein Videostudio, ein Verlag, eine Weinhandlung, eine psychotherapeutische Praxis und Sexualberatungsstelle, sowie eine Gemeinschaftspraxis mit Ärztin, Heilpraktiker, Hebamme, Gesundheitspraktiker und Krankenpfleger. Im Aufbau begriffen ist eine Klinik für natürliche Lebensvorgänge, als Geburtshaus, Hospiz usw.

Ja und wer schon mal hier ist, sei es zum Einkaufen, Kinder abholen oder sonstigem Anlaß, der wird auch gern unsere Kneipe besuchen. Eigentlich war die unser erster Betrieb, der funktionierte, noch vor dem Laden und ist aus unserer zentralen Gemeinschaftsküche entstanden. Sie lief aber in den ersten Jahren nur intern und war nur im Sommer zu Workcamps und Tagungen geöffnet. Aber seit dem 4. Sommer läuft sie als eigener Betrieb, und findet auch Zuspruch von außerhalb, und ganz besonders seit dem wir unser eigenes Bier brauen.

Sie bildet zusammen mit dem Gästehaus den vierten Bereich in unserer Prioritätenfolge. Wir verfügen dort über 60 Betten, verteilt über 10 Einzel-, 10 Doppel-, und mehrere Mehrbettzimmer. Außerdem gibt es noch ein paar Hütten und im Sommer den Campingplatz. Neben einzelnen Pensiongästen, denen wir bei Interesse ein unaufdringliches Naturbegegnungsprogramm anbieten, haben wir, über die Praxis vermittelt, oft einzelne Kurgäste oder Langzeitpatienten. Den Hauptteil der Übernachtungsgäste stellen aber die Teilnehmer aus dem Seminarbetrieb.

Das ist der fünfte Bereich unserer Aufbauprioritäten gewesen, und er hat sich vom ersten Workcamp an schon zum wichtigsten Bindeglied nach außen entwickelt. Es begann mit den großen Workcamps im Sommer und unseren Rahmenprogrammen. Daraus wurde die Sommerakademie, deren Kurse man heute auch losgelöst von Workcamps besuchen kann. Es gibt das Herbsttrimester mit der Herbsttagung, das Wintertrimester und das Frühlingstrimester mit der Frühjahrstagung. Neben Workcamps, die in kleinem Rahmen immer noch angeboten werden, gibt es Kurse in Naturerfahrung, Gemeinschaftserfahrung, Ritualentwicklung, Tiefenökologie, Theateranthropologie, Rituellem Spiel, Soziotherapie, Schamanismus, Tai Chi, Tantra, Philosophie, Tiefenpsychologie, vergleichende Religionswissenschaften und vieles mehr.

Hauptträger der Seminar- und Tagungsarbeit ist das Konvergenzbildungswerk, in dessen Leitungsteam ich mitarbeite, und das schon Ende des letzten Jahrhunderts in Hannover gegründet wurde.

Das Bildungswerk ist außerdem Träger des Theateranthropologischen und soziotherapeutischen Labors, in dem unter anderem das Konvergenztraining angeboten wird, und des gleichnamigen Institutes, welches wir noch im Rahmen eines befreundeten Stadtzentrums in der Großstadt betreiben, sowie eines tiefenökologisch orientierten  Akademiker-Ringes, über den wir inzwischen weltweit Themen und Dozenten austauschen.

So ist Sommerland mittlerweile ein ganzes Dorf geworden, welches aber nicht vor sich hinschläft, sondern mit der Welt und ihren Themen sehr aktiv verbunden ist. Der genannte Akademiker-Ring  ist so von unserem Platz begeistert, daß wir bei den drei großen Treffen im Jahr regelmäßig voll ausgebucht sind.

Der Gästebereich, der Seminarbereich, und die anderen Betriebe, die hier anzusiedeln unsere sechste Priorität war, haben es ermöglicht, daß mittlerweile fast alle, die hier leben auch hier arbeiten können.

 

 

Komplexere Zeremonien zeigen, wessen es bedarf, um die Libido

aus ihrem natürlichen Strombett -nämlich der alltäglichen Gewohnheit-

abzuleiten und einer ungewohnten Tätigkeit zuzuführen.

Der moderne Verstand glaubt, dies mit einem bloßen Willensentschluß erreichen

und dabei aller magischen Zeremonien entraten zu können.“

 

C.G. Jung

 

6. Die inneren Bereiche von Sommerland

(Abteilung 7 bis 9)

 

Es hat in den letzten Wochen viel geregnet. Da es mir draußen zu kalt ist, sitze ich in meinem Zimmer über der Veranda und beobachte die letzten Nebelschleier, die noch um unsere Obstbäume wehen. Es ist früh am Morgen und von überall höre ich die Geräusche des beginnenden Tages. In der Küche klappert jemand herum und drüben vom Gemeinschaftshaus her höre ich schon Stimmen. Irgend jemand schimpft herum, weil die Gartenmöbel der Kneipe draußen stehengelassen wurden und nun naß geworden sind. Eigentlich wollte ich mich dort heute mittag mit der Chefredakteurin unserer Zeitung treffen, aber wie es aussieht werden wir uns doch eher reinsetzen.

Die Zeitung ist der Kern unseres siebten Bereiches. Über die Arbeitsbereiche 7 - 9 habe ich noch nichts berichtet. Das liegt nicht daran, daß sie weniger wichtig sind, sondern daß sie nicht zu einem gesonderten Zeitpunkt aufgebaut wurden. Sie sind zum Teil parallel und sogar schon vor der Gründung unserer Siedlung entstanden.

Die Zeitung ist das Herz unseres „Außenministeriums“. Als die Kerngruppe sich damals zusammenfand, war auch eine Journalistin dabei, die unsere alte Idee von der jeweils zu Jul, zu Ostara, zu Lithe und zu Mabon erscheinenden Quartalszeitschrift freudig aufnahm und zu ihrem Projekt machte. Wir glaubten damals, es sei noch ein langer Weg bis Sommerland und wollten wenigstens einige Aspekte davon auch schon unseren Freunden in der Stadt näher bringen. Wir hatten bereits angefangen, zu den Quartalen sogenannte Trimesterprogramme herauszugeben. Außerdem gab es einen Kreis, der sich schon zu den Festen des Jahresrades traf. Zudem wollten wir die Werbung für die Veranstaltungen der Konvergenzgesellschaft und befreundeter Menschen bündeln und mit inhaltlichen Berichten kombinieren, welche wiederum die Verbindung von unserem Vorhaben zur Gesellschaft um uns herum einerseits und zu den Zyklen des Jahres andererseits herstellen sollte. Das blieb jahrelang nur eine Idee, bis dann jemand da war, die diese Idee zu ihrem Job machte.

Nach vier Probenummern hatte die Zeitschrift (nach einigem hin und her) eine Auflage von 200 Stück erreicht, die auch tatsächlich verkauft wurden. Mehr schien nicht drin zu sein. Aber als es dann los ging mit Sommerland, änderte sich das. Zum Glück hatten wir in weiser Voraussicht die Zeitschrift schon vorher auf die Beine gestellt, in der Aufbauzeit von Sommerland wären wir dazu wohl nicht gekommen. Nun schnellte die Auflage hoch. Die Teilnehmer des ersten Workcamps wurden zu den wichtigsten Multiplikatoren. Zur Julausgabe des zweiten Jahres von Sommerland stieg die Auflage auf 1000 Stück und von da an beständig. Heute sind wir bei 5000. Die Zeitschrift geht regelmäßig in mehrere Länder. Es gibt seit einem Jahr auch eine englische und eine norwegische Ausgabe.

Im Moment wird überlegt, ob sie zu allen acht Jahresfesten erscheinen soll. Ich persönlich bin noch dagegen, weil ich Angst vor der Hatz und Oberflächlichkeit des Kurzzeitjournalismus habe, aber meine Kollegin lacht dann nur und fängt dann auch noch mit ihren Visionen vom Wochenblatt an.

Neben der Zeitschrift haben wir mittlerweile auch die eigene Druckerei, den Verlag mit einem ersten Bücherprogramm, ein Musikstudio und eine Videoproduktion aufgebaut. Der Vertrieb geht über unser Stadtzentrum, Freundeskreise, Buchläden und über das Netzwerk.

Gleich neben dem Redaktionsbüro ist das Netzwerkbüro, wo permanent Informationen von ähnlichen Projekten in aller Welt eingehen, und von wo auch unsere Impulse zu den anderen weitergeleitet werden. Mittlerweile ist es Tradition geworden, daß ein wichtiges Arbeitstreffen der globalen Netzwerkorganisation alle zwei Jahre zur Sommertagung in Sommerland stattfindet.

Etwa zur gleichen Zeit jährlich trifft sich hier auch der Beirat. Das ist ein Gremium aus Wissenschaftlern, Künstlern und Politikern, die wir eingeladen haben, unser Projekt zu begleiten und die uns heute ein große Hilfe sind beim Umgang mit staatlichen Institutionen.

Ich habe mir noch einen Tee geholt und draußen wird es wärmer. Vor mir steht ein Schälchen mit Heidelbeeren die ich gestern beim Abendspaziergang gepflückt habe. Ich war mit meiner Frau, einem Freund und unserer Bürochefin auf unserem Hausberg.

Ja, eine Bürochefin haben wir hier auch. Sie sitzt in der Zentrale im Gemeinschaftshaus. Anfangs hat sie die ganze Verwaltung allein gemacht. Mittlerweile hat sie fünf Mitarbeiter und ist als Koordinatorin der Zentrale auch für die Zusammenarbeit mit den Büros der verschiedenen Bereiche zuständig.

Der achte Bereich ist unsere Zentrale. Er ist eigentlich kein eigener Bereich. Hier wird eher alles, was die einzelnen Bereiche überschreitet und die ganze Gemeinschaft berührt aufeinander abgestimmt und verwaltet. Hier trifft sich der Koordinationsrat. Hier ist der Sitz der Genossenschaft, welche die offizielle Eigentümerin und Betreiberin von Sommerland ist. Hier sitzt die Konvergenzgesellschaft, die mittlerweile ein Freundes- und Fördererverein von 500 Mitgliedern geworden ist. Und hier ist die Anmeldung für Gäste und Besucher.

Und in unmittelbarer Nachbarschaft sind die Büros vom Bildungswerk, Labor und Stadtinstitut. Auch die Redaktion und das Pressebüro sind hier mit im Gemeinschaftshaus untergebracht.

Obwohl die einzelnen Bereiche von Sommerland ihre Angelegenheiten weitestgehend selbständig und dezentral regeln, bleibt dennoch eine Menge über, die die ganze Gemeinschaft betrifft. Vier- bis achtmal im Jahr werden bei uns zu den Jahresfesten von der ganzen Gemeinschaft Beschlüsse gefällt. Natürlich müssen diese vorbereitet und transparent gemacht werden. Auch muß zwischendurch mal was entschieden und die alltäglichen Details koordiniert werden. Dafür gibt es den Koordinationsrat. Jeder Bereich wählt an Jul für ein Jahr eine Koordinatorin oder einen Koordinator, sowie einen oder mehrere Assistenten als Stellvertreter. Diese KoordinatorInnen treffen sich nun zwischen den Versammlungen der ganzen Gemeinschaft an jedem Montag direkt im Anschluß an ihre jeweiligen Bereichsbesprechung in der Zentrale zum Koordinationsrat. Hier werden die alltäglichen Details des Dorflebens miteinander ausbalanciert und geregelt.

Die KoordinatorInnen wählen einen Sprecher aus ihren Reihen,  ein anderer aus ihren Reihen wird an Jul von der Gemeinschaft gewählt. Diese beiden SprecherInnen des Koordinationsrates bilden für ein Jahr die Repräsentanten des ganzen Dorfes nach innen  und außen.

Mittlerweile ist es wieder trocken und richtig warm geworden. Ich bin wieder auf die Veranda umgezogen und die Hummel hat mich gerade besucht. Bei meinem Treffen mit unserer Zeitungschefin in der Kneipe eben hat sie mich gebeten, einen Artikel über den SOC zu schreiben. Die Chefredakteurin natürlich, nicht die Hummel, oder...? Wie dem auch sei, ich will es versuchen.

SOC ist unser neunter Bereich und eigentlich auch kein eigener Arbeitsbereich, eher eine Art Wächtergremium oder Ältestenrat. SOC heißt „Spirit of Convergenz“ und ist ein Bund von derzeit neun Frauen und Männern von Sommerland, deren Aufgabe es ist, die Gemeinschaft spirituell und rituell zu begleiten und darauf zu achten, das bei allen Aktivitäten, Sorgen und Freuden und Herausforderungen des Alltags die großen Sinnlinien und Zielgestalten von Sommerland nicht aus dem Blick geraten. Sie sind sogar zu einer gewissen Abgehobenheit verpflichtet und sollten nicht als Koordinatoren oder in ähnlichen Funktionen im Mittelpunkt des täglichen Managements stehen. Ihre Funktionen in Sommerland können vage mit den alten Funktionen von Priesterinnen oder Schamanen verglichen werden, mit dem Unterschied, daß wir eben keine zentralisierte Glaubensgemeinschaft sind, wo alle aus der gleichen Tradition kommen.

Die Aufgaben des SOC gliedern sich im Wesentlichen in fünf Bereiche :

1. Die Gestaltung der Rituale für die Gemeinschaft. Das sind in erster Linie die Jahresfeste, die Initiations-, und Übergangsriten. Darüberhinaus gelegentlich auch Mondfeste, Visionssuchen und andere Zeremonien.

2. Ritualforschung und das Rad von Konvergenz. Hier geht es um das Offenhalten des Kontaktes zu den verschiedenen Traditionen, die Balance zwischen ihnen, die praktische Erprobung ritueller Details, sowie die vergleichende Erfahrung mit verschiedenen Systemen.

3. Die Ausbildung derer, die sich auch für diesen Bereich kompetent machen wollen. So wird zum Beispiel eine Jahresgruppe innerhalb des Konvergenztrainings von einer Frau und einem Mann aus dem SOC begleitet.

4. Die Unterhaltung eines Ritual-Service-Angebotes nach außen. Der SOC betreibt die Firma Rat und Tat, einen Service für persönliche, gemeinschaftliche und jahreszeitliche Übergangsriten und Zeremonien, für spirituelle und transkonfessionelle Rückbindung (dieser Dienst wird sowohl von der Nachbarschaft als auch in entfernten Städten gerne und immer häufiger in Anspruch genommen).

5. Die fünfte Aufgabe des SOC ist seine sensibelste Funktion für die Sommerlandgemeinschaft. Er ist der Hüter des Weges. Das heißt im Sinne des Geistes des Gründungsmanifestes von Sommerland hütete er die Flamme der Vision. Er achtet also darauf, daß die Gemeinschaft nicht blind vom Tagesgeschehen den selbstgesteckten Weg verliert. Dazu hat er das Recht, gegen jeden Beschluß des Koordinationsrates und sogar des Gemeinschaftsplenums sein Veto einzulegen.

Aber hier muß ich präziser sein. Diese fünfte Funktion hat nicht der gesamte SOC, sondern nur der „Rat der Behüterinnen und Behüter“ inne. Von den neun Mitgliedern des SOC sind fünf Kanditaten, die zwar in allen anderen vier Funktionen mitarbeiten, aber noch keine vollen PriesterInnen sind. Dazu haben sich bisher erst vier der SOC - Mitglieder ausgebildet. Zu diesen vier kommt noch eine Person von außerhalb des SOC die von der Julversammlung für die Dauer von fünf Jahren gewählt wird. Und diese fünf bilden derzeit den „Rat der Behüterinnen und Behüter“. Dieser Rat tritt so gut wie nie in Erscheinung und dieser Rat ist es, der mit dem Vetorecht ausgestattet ist.

Er darf sein Veto aber nur einstimmig einlegen und er darf dem Gemeinschaftsrat Vorschläge machen, aber keine eigenen Beschlüsse fällen. Und die Mitglieder des „Rates der Behüterinnen und Behüter“ verzichten für die Zeit, in der sie in dieser Funktion sind, dafür auf ihr persönliches Stimmrecht in der Gemeinschaftsversammlung.

Von diesem Vetorecht wurde bisher noch nie Gebrauch gemacht. Mein Eindruck ist, daß das bloße Vorhandensein des Rates sich schon im Bewußtsein der Gemeinschaft niederschlägt und für genügend Weisheit im Alltag sorgt.

Ich selbst arbeite mit im SOC und soll demnächst als Priester initiiert werden, aber ich will noch nicht Mitglied des Rates werden, weil ich in der Leitung des Seminarbereiches noch soviel gestalten will. Ich weiß noch nicht, was uns da für eine Lösung einfallen wird.

 

Letztlich müssen all diese Probleme als verschiedene Facetten

ein und derselben Krise gesehen werden,

welche zum Großteil eine Krise der Wahrnehmung ist.“

 

F. Capra

 

 

Und dieser Schmerz um unsere Welt kann nicht auf ein persönliches Problem reduziert werden.“

 

J. Macy

 

 Aber die Persönlichkeit ist in einer größeren, universelleren Identität verankert.

Salzige Überreste archaischer Ozeane fließen durch unsere Adern,

die Asche erloschener Sterne erwacht in unserer genetischen Chemie zu neuem Leben.

... Der Kern des Bewußtseins ist das ökologische Unbewußte.

Für die Ökopsychologie ist die Unterdrückung des ökologischen Unbewußten

die tiefste Wurzel des kollektiven Wahnsinns in der Industriegesellschaft;

offener Zugang zum ökologischen Unbewußten ist der Weg zur Heilung.“

 

T. Roszak

 

7. Das globale Dorf und die Weltreligion

 

Heute ist ein bewegter Tag. Wind ist aufgekommen und jagt Wolken über den Himmel. Bäume und Gräser wiegen sich in lebhaften Rhytmen und der alte Eichenmann zu meiner Linken fuchtelt aufgeregt mit seinen Blätterarmen im Wind. Meine Hummel ist wieder verschwunden und der kleine Wasserfall ist im Wind kaum zu hören.

Heute habe ich Post gekriegt von zwei Studenten, die im letzten Jahr das Konvergenztraining hier abgeschlossen haben, und die nun in der Nähe ihrer Heimatstadt eine kleine Gruppe gegründet haben, um ein eigenes Projekt, inspiriert von Sommerland aufzubauen. Sie werfen in ihrem Brief Fragen auf, die ich kaum beantworten kann. Die eine zielt auf die Zukunft von Sommerland, die andere auf das globale Netzwerk und wieviele Chancen ich diesem einräume, den destruktiven Tendenzen des alten Mainstreams auf Dauer etwas entgegenzusetzen. Ich ahne nur, daß beides wohl miteinander zu tun hat.

Nein, das Wachstum von Sommerland wir nicht ewig so weitergehen. Wir haben unser Dorf, wir können hier leben und arbeiten und wir leben mit dem Land und dessen anderen Bewohnern zusammen. Es sollen hier nicht mehr als 100 Menschen dauerhaft leben und der Gästebereich soll auch nicht erweitert werden.

Natürlich freuen wir  uns, wenn wir andere begeistern können von der Sommerlandidee.

Und ich kann mir auch vorstellen, das es irgendwann mal wieder sinnvoll oder notwendig sein kann, gezielt an einigen ganz besonderen Punkten der Erde auch größere Gemeinschaften, vielleicht kleine Städte mit bis zu 10.000 Menschen zu errichten, aber noch ist es nicht soweit.

Das Bewußtsein der Verbindung mit dem Platz auf dem man lebt, muß erst wieder zum Allgemeingut unserer Kultur werden und dem sind Menschenansammlungen ab einer gewissen Größe einfach abträglich.

Die Sommerlandidee ist ja aber auch nicht auf ein Dorf beschränkt. Es gibt schon eine ganze Reihe kleiner Gruppen im Freundeskreis der Konvergenzgesellschaft, die angefangen haben, so was wie Ableger von Sommerland an anderen Orten zu gründen. Bei einem größer und dichter werdenden Netzwerk ähnlicher Orte kann ich mir auch eine moderne Form des Nomandentums wieder vorstellen. Kleine Gemeinschaften, die von Ort zu Ort ziehen, und damit auch Verbindungslinien von Erdbewußtsein  schaffen, und auch außerhalb der wieder bewohnten Plätze bewirken.

Auf der letzten Netzwerkkonferenz hat jemand den Vorschlag gemacht, die Projekte mögen sich doch gemeinsam ein Schiff kaufen, vielleicht in Zusammenarbeit mit Greenpeace, und damit auf den Meeren zwischen den Orten des Netzwerkes zu kreuzen.

Auch unser Stadtzentrum hat sich verwandelt. Anfangs war es nur als verlängertes Standbein von Sommerland in der Stadt gedacht, um dort Geld zu verdienen, zu wohnen, wenn man gerade in der Stadt arbeiten mußte und vor allem, um dort die Sommerlandidee an die Leute zu bringen. Ich dachte, wenn unser Dorf erst richtig läuft und lebensfähig ist, dann würde das Stadtzentrum langsam absterben. Dem war aber nicht so. Als die Leute unserer Gründergeneration nach Sommerland übersiedelten, hatten sie schon in der Stadt so viel  „Nachfrage“ produziert, daß eine zweite Generation von Betreibern nun das Stadtzentrum auf eigene Kappe betreibt und eng mit uns kooperiert. Wir brauchen auch diese Zentren in den Städten überall, damit es Berührungen und Austausch gibt zwischen den wieder bewohnten Plätzen und der alten Kultur. Viele Menschen nehmen gern an Einzelaspekten unserer Arbeit teil, ohne gleich fest in eine Gemeinschaft übersiedeln zu wollen.

Noch gibt es auch gar nicht genug Gemeinschaften, um alle aufzunehmen die wollen. Es wird ein Überlebensthema der kommenden Jahre sein, wie sich Menschen ermächtigen solche tiefenökologischen Gruppenbildungsprozesse initiieren, kompetent leiten und verwirklichen zu können. Das war auch eine Idee  auf dem Netzwerktreff, dazu eine „Planet-Earth-Unversity for Deep Ecology Development“ einzurichten.

Und je größer die Vorstellungen von der Entwicklung des Netzwerkes werden, umso mehr braut sich natürlich auch die Gegenfrage zusammen. Kann es denn gelingen? Haben wir tatsächlich die Kraft dazu? Sind wir nicht viel zu wenige? Ist die Mehrheit derer, die bewußt oder unbewußt, zufrieden oder abgestumpft, freiwillig oder gezwungenermaßen, als Privilegierte oder Ausgestoßene und Verzweifelte im alten System mitlaufen nicht immernoch erdrückend und übermächtig?

Ja, sie ist es, und die Frage, ob wir das alte System überleben oder das alte System uns, ist noch nicht entschieden. Aber wir bewegen uns auf die Entscheidung zu. Die Möglichkeiten beider Wege werden allmählich sichtbarer.

Diese Auseinandersetzung ist kein Krieg im herkömmlichen Sinne, diesen würden wir wohl verlieren.

Es geht bei der Wiederverbindung mit der Erde doch zuallererst um die Herzen und Hirne der Menschen. Um das, wonach wir alle, nicht nur wir hier oder nur die in den alten Systemen, nein, wonach wir alle uns sehnen und was wir alle im tiefsten Inneren glauben.

Nun mag unser Sommerland dem Einen oder der Anderen vielleicht zu idyllisch oder zu langweilig erscheinen, aber eine irgendwie ähnliche Sehnsucht nach einem sinnlichen und sinnvollen Leben in lebendigem Kontakt mit Anderen und der Natur findet doch in jedem Menschen Resonanz, der noch ein Gespür für die wurzelzerstörende Macht der alten Kultur hat.

Bei den meisten kann dieses Gespür und diese Sehnsucht aber nicht bis an die Oberfläche des Bewußtseins oder gar in die Bereiche handelnder Konsequenz vordringen, weil die herrschende Weltreligion dagegen einige Absicherungen eingebaut hat.

Schauen wir uns diese globale Weltreligion doch einmal genauer an. Wir neigen dazu, sofort auf den Konsumterror, die Volksverdummung durch die Medien, das Gewinnstreben allgemein, den Materialismus oder den Kapitalismus im Besonderen zu schauen. Andere sehen die christliche Moral, den Kolonialismus, das mechanistische Weltbild der abendländischen Wissenschaften, das Patriarchat oder die Erfindung des Ackerbaus als Wurzel aller Übel an.

Die Erwähnung all dieser Aspekte ist sicher richtig, obwohl sie sich zum Teil auch gegenseitig widersprechen, haben sie schon etwas miteinander und mit der Weltreligion zu tun, die uns heute global im Griff hält. Doch all diese Aspekte erhellen noch nicht ihren okkulten Kern, welcher die wirkliche Macht ausübt auf das Bewußtsein der Menschen.

Sprachforscher, Verhaltensforscher und die moderne Gehirnforschung weisen darauf hin, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen Sehnsucht und Sucht. Wem es gelingt, uns von unseren Wurzeln abzuschneiden, von dem Ort an dem wir leben, genauso wie von unserer tiefsten, allerpersönlichsten und heiligsten Sehnsucht (im indianischen Kontext auch Kindfeuer genannt), der erlangt Macht über unser Denken.

Wenn die Indianer Nordamerikas angesichts des Landraubes durch die weißen Eroberer sinngemäß sagten „irgendwann wird auch der weiße Mann verstehen, daß er Geld nicht essen kann“ dann hatte das nicht nur eine materiell-ökologische Wirklichkeit, dieser Satz steht auch als Symbol für Entfremdung von Wirklichkeit schlechthin.

Dolores La Chapelle hat in ihren Werken für mich einleuchtend auf den Zusammenhang von Kolonialismus, Kapitalismus, und Sucht hingewiesen. Ohne den Kolonialismus, welcher den dynamischsten Ländern die spätere Industrialisierung, und insbesondere England einen ungeheuren Reichtum bescherte, und den gesteuert und bewußt inszenierten Drogensüchten (Alkohol bei den Indianern, Tee in England, Kaffee und Tabak in Europa, Opium in China) wäre der Aufschwung des Kapitalismus in dieser Form undenkbar gewesen.

Doch nicht nur den Indianern wurde ihr Land geraubt. Der größte Teil der englischen Landbevölkerung mußte vom eigenen Boden abgeschnitten werden (die große Landreform zugunsten der Großgrundbesitzer), um als Sklaven für die Industrie ausbeutbar zu werden.

Wir heutigen neigen dazu, Sucht nur als individualpsychologisches Phänomen zu betrachten. Aber Suchtverhalten ist die Basis unseres Wirtschaftssystems. Ohne Suchtstrukturen wäre es unmöglich, massenhaft Dinge zu produzieren und zu verkaufen, die niemand wirklich braucht.

Der Süchtige glaubt natürlich, daß er seinen Stoff braucht. Und dieser Glaube beherrscht unsere Kultur. Der Süchtige hat den Kontakt zu seiner wirklichen Sehnsucht verloren, er hat etwas, was nicht wirklich sein Leben ausmacht und die Verbindung zum Ganzen herstellt, zu seinem Heiligsten gemacht. Auch wenn wir keine Fixer sind, verhalten wir uns fast täglich so. Fast alles Streben nach Glück, Erfolg, Sicherheit und Wohlergehen richten wir nicht mehr auf die heiligen Verbindungen, die solche Wünsche real befriedigen, sondern auf einen Stoff, der gar nicht mehr wirklich existiert. Auf das Geld!

Mit ungeheurer Glaubenswut hält der süchtige Atheist im entwickelten Kapitalismus an der Realität des Geldes fest.

Was einst nur Tauschmittel war und lange Zeit selbst aus wertvollen und seltenen Metallen (Gold und Silber) bestand, ist heute eine absolut irreale Größe geworden, die alle Bindungen an wirklich existierende Werte abgeschnitten hat. Das Tauschmittel ist selbst zur Ware geworden, und zwar zur einzigen, mit der man heute auf die Dauer wirklich Geld verdienen kann. Das liegt aber nicht an seinen lebenswichtigen Qualitäten, es hat keine. Die einzige Macht des Geldes, die es wirklich hat, ist in den Köpfen all derer, die an seine Realität glauben.

Wir glauben an seine Allmacht. Wir glauben, mit Geld kann man alles erreichen. Wir glauben, unser Überleben mit Geld absichern zu können. Wir glauben, Erfolg könne nur im Geld gemessen werden. Wir halten eine befriedigende und sinnvolle Tätigkeit, mit der wenig oder kein Geld verdient wird, für weniger wert als eine unbefriedigende oder sinnlose Tätigkeit, mit der aber viel Geld verdient wird.

Wir halten traumatisierende und schmerzhafte Zustände (meistens im Beruf) tatenlos aus, wenn wir als Schmerzensgeld ein sicheres Gehalt dafür beziehen.

Wir halten Menschen, die kein hohes oder gar kein Gehalt beziehen, zumindest heimlich, für Versager. Wir halten Vollidioten oder Verbrecher, die weiß der Kuckuck wie an Geld gekommen sind, für Vorbilder.

Wir glauben an die Allmacht und die jungfräuliche Geburt des stets sich selbst vermehrenden Geldes. Wir glauben an die Realität und moralische Vertretbarkeit solcher Regeln wie Zins, Zinseszins und ignorieren dabei deren räuberischen Charakter. Wir glauben, Geld zieht Geld an, weil wir sehen, wie mit Zinsen und Spekulationen Geld gemacht werden kann. In der Realität aber wird alles, was irgendwo hingezogen wird, woanders weggezogen.

Jeder finanzielle Reichtum, der scheinbar so wertfrei sich bei einigen sammelt, basiert auf Raub bei anderen. Das Geld vermehrt sich nicht neutral, es wird bezahlt, meistens von denen, die nur wenig davon haben.

Aber sie tun es, weil sie selbst an die Realität solcher Dinge wie Zinsen glauben. Wieviel an wirklichen Werten, an heiligen Verbindungen und Wurzelung in der Erde muß zerstört werden, um so ein Suchtverhalten und dem Glauben an etwas schlicht nicht Existentes aufzubauen?

Und keine rationale Aufklärungskampangne wird daran etwas ändern. Aus der Suchttherapie weiß man, daß der Heroinsüchtige nur dann die Kraft hat, mit dem Suchtverhalten aufzuhören wenn er etwas findet, was stärker ist als sein Stoff, etwas wofür er wirklich leben will.

Nur wenn es uns gelingt, die authentischen Sehnsüchte nach einem voll gelebten Leben wieder zu wecken, gibt es die Chance, aus dem Suchtglauben an die Realität der Wirtschaftswachstumsgesellschaft auszusteigen.

Dieser Suchtglaube bei der Mehrheit der Menschen, auch und gerade bei denen die gar nicht davon profitieren, hält zur Zeit noch ein System am leben, was dabei ist, die gesamte Biosphäre zu ruinieren, zumindest aber etliche Spezies unwiderruflich auszurotten und die Erde vielleicht bald für Menschen unbewohnbar zu machen.

Doch Anklagen und Frontalangriffe stärken das System nur. Ich glaube nur an einen langfristigen Erfolg, wenn wir subversiv sind und der alten Glaubenssucht etwas anbieten können, was dichter am inneren Kern der Menschen ansetzt. Die tiefenökologische Bewegung wird Erfolg haben, wenn sie Orte und Gemeinschaften vorweisen kann, wo Menschen ihre alte Suchtstruktur freiwillig in eine ganzheitliche Begegnung mit sich selbst, den anderen und der Erde transformieren.

Das ist der Grund, warum wir nicht in die Institutionen gegangen sind, sondern Sommerland aufgebaut haben.

 

8. Der Weg nach Sommerland

 

Es ist Nacht geworden, der Wind hat sich gelegt. Ich sitze wieder in meinem Zimmer, unten sitzen die anderen noch singend und lachend im Kaminzimmer. Draußen höre ich hin und wieder ein Käuzchen rufen.

Ich habe die letzten Kapitel nochmal überflogen und würde spätestens jetzt vom Leser die Frage erwarten „nun laß endlich die Katze aus dem Sack, wo sitzt du da eigentlich? Wo genau liegt Sommerland? Wie lange habt ihr darauf hingearbeitet? Wie lange gibt es das Dorf schon und wann schreibst du eigentlich?“

Den aufmerksamen Leser wird nun vielleicht ein wissendes Lächeln anfliegen, den nicht ganz so aufmerksamen sei gesagt: ich werde den Ort jetzt und hier nicht nennen und auch den genauen Zeitpunkt nicht. Nur soviel: ich schreibe diese Geschichte im August.

Und vielleicht noch ein paar unserer Vorüberlegungen vor dem Beginn der Geländesuche. Damals hieß es, Sommerland könnte liegen:

1. im Weser- oder Leinebergland

2. im Harz oder einem anderen deutschen Mittelgebirge bis zum Schwarzwald

3. in den Alpen

4. in den Pyrenäen 

5. in den Bergen von Cornwall, Wales oder Schottland

6. in Norwegen

7. in Kanada

8. in Neuseeland

9. auf einer kleinen Insel mit Bergen, Wald und Quellen

 

Zur zeitlichen Abfolge der Ereignisse nur so viel:

Einige von uns hatten schon einmal früher ein Gemeinschaftsprojekt geplant, es war gescheitert. Nur die wenigsten bringen zweimal im Leben den Mut und die Kraft auf, solch ein Versuch zu wagen, weil so einen Versuch dich wirklich alles kostet, was du geben kannst.

Ich hatte drei gescheiterte Versuche hinter mir als ich zuerst auf die Werke von Dolores La Chapelle und die Tiefenökologie und dann auf ein paar „Veteranen“ stieß, die gleich mir sowohl einschlägige Vorerfahrungen hatten, als auch noch das Feuer in sich spürten. Dann ging es los. Ein paar junge Ungestüme kamen dazu und nach zwölfmonatigem Gruppenprozeß waren wir handlungsfähig und bereit. Vier Monate später hatten wir das Land.

 

Unser Weg nach Sommerland zeichnete sich durch Folgendes aus:

 

- durch ein hohes Maß an Vorerfahrungen konnten wir uns einige Umwege sparen

 

- wir haben den Zielrahmen möglichst hochgesetzt und weit gespannt und damit die gemeinsame Absicht so verankert, daß wir in taktischen Schritten durchaus nicht immer einer Meinung sein mußten. Nur durch  die Weite der Vision konnten wir es uns leisten, ganz klein anzufangen, ohne im Alltagssumpf der  Anfangswidrigkeiten zu versinken.

 

- Die Zeit war reif dafür, die Erde braucht solche Plätze.

 

- Wir haben, als wir zu viert waren, einen Entschluß gefaßt, und davon nicht mehr abgelassen.

 

- Wir haben als Kerngruppe die Leitungsverantwortung behalten und neue Menschen möglichst ausführlich  und umfassend in unsere Vision eingeführt, so daß sie lange genug Zeit hatten, für sich zu klären, ob unser  Weg auch wirklich ihr Weg sei, bevor wir sie mit allen Rechten in die Gemeinschaft aufgenommen haben.

 

- Wir waren zu anspruchsvoll für die, die einfach nur auf dem Lande leben, oder in irgendeine 

  Gemeinschaft wollten.

 

- Wir haben niemanden im Dorf als festen Bewohner aufgenommen, der keine klare Versorgungsbasis  hatte, das heißt man mußte entweder selber eine Firma mitbringen, oder bei einer im Dorf einen Job haben.

 

- Wir haben intern anfangs die Zinsen, später den Geldverkehr ganz abgeschafft.

 

- Wir haben uns weder auf Sympathie noch auf ein Konzept allein verlassen, sondern uns in langem Prozeß  über beides vergewissert.

 

- Wir haben in der Aufbauphase keine „Sozialfälle“ integriert. Erst als das Dorf eine ökonomische  Mindestgröße erreicht hatte, haben wir neben unseren Kindern auch einzelne Erwachsene Personen  bewußt und von der Gemeinschaft so gewollt als „Versorgungsfälle“ akzeptiert.


- Wir haben nie behauptet, unser Weg sei der einzige, aber immer darauf geachtet, daß er der unsere blieb.

 

Das Käuzchen ist still geworden und auch die Menschen sind schlafen gegangen. Ich beende hiermit diesen ersten Bericht aus Sommerland. Es wird noch einige Details in den Anhängen in Teil zwei geben. Aber denen, die es immernoch genauer wissen wollen, sei gesagt, Zeit und Ort werden auch hier nicht beschrieben. Wendet euch, wenn das Interesse groß genug ist, an den Autor.

 

Gandalf Lipinski im August in Sommerland

 

 

Eine gemeinsame Absicht ist der einzige Grund, eine Gemeinschaft aufzubauen.

Eine gemeinsame Absicht ist wichtiger als alles andere.

Die Absicht ist wichtiger als ein gemeinsames Heim oder Land

oder Wissen und Erfahrung oder Geld.

Diese Absicht muß stark sein und einer tiefen Gemeinsamkeit entspringen.

Diese Absicht muß fähig sein, auch schwere Zeiten zu überleben,

Zeiten des Zweifels, Zeiten umsichtiger Selbstbetrachtung.

Eine gemeinsame Absicht ist so wichtig, das wir nicht anders können,

als sie so klar wie möglich anderen mitzuteilen

und um ihre Zustimmung zu wissen und sie nicht nur zu unterstellen.

Der Stamm hat diese Absicht niedergeschrieben.“

 

Sun Bear in „Leben mit der Kraft“

 


KONVERGENZ

 

GESELLSCHAFT FÜR GANZHEITLICHE WAHRNEHMUNG, BEWUSSTSEINSENTWICKLUNG UND TIEFENÖKOLOGIE e.V.

 

SOMMERLAND - CHRONIKEN

                                                                                       TEIL  2

 

Konvergenz – Gesellschaft für ganzheitliche Wahrnehmung, Bewußtseins- entwicklung und Tiefenökologie e.V.

Regionalbüro Leinebergland, Methfesselstraße 4, 37581 Heckenbeck, T.05563- 70 56 71

 


                                 Politische Annäherungen

 

Inhalt:

 

A - DIE MATRIX DER FREIHEIT

VORTRAG von Gandalf Lipinski (Konvergenz-Gesellschaft)

auf dem ersten „Kongress für integrale Politik“ (KIP) 2008 in St.Arbogast:

 

Einleitung: S.2

Demokratie und Wirklichkeit: S.3

Demokratie und Verdrängung: S.4

Demokratie und Geschichte: S. 5

Demokratie und Gemeinschaft: S.8

Demokratie und Bewußtsein: S.8

Demokratie und Konflikt: S.9

Demokratie und Zukunft: S.10

Literaturhinweise: S.12

 

B – CHARTA-ENTWURF FÜR EIN EUROPA DER REGIONEN

 

Entwurf für den Arbeitskreis Demokratie zur Vorlage beim 2. KIP 2012 in St.Arbogast

 

Die Alternative: S.14

Europäische Unabhängigkeitserklärung: S.15

Demokratiereform: S. 18

Demokratische Wirtschafts- u. Finanzreformen: S.23

 



 

A- DIE MATRIX DER FREIHEIT

 

Einleitung:

 

Die klassische Gesellschaftskritik von links hatte ihre Stärke und Kompetenz im Beschreiben von gesellschaftlichen Systemen und Strukturen, nicht aber im Aufzeigen von Alternativen. Ihre Schwäche bestand in der oft relativ unhinterfragten Identifikation mit den wissenschaftlichen Paradigmen der Moderne, d.h. in der Reduktion auf materialistische und rationalistische Aspekte der Wirklichkeit. So scheiterten oft gut gemeinte Strukturveränderungen an der Wirklichkeit real existierender Menschen und ihres Bewußtseins.

Wenn sprituell denkende Menschen ihre Aufmerksamkeit überhaupt auf politische Zusammenhänge richten, dann vermeiden sie oft diese alten Fehler der Linken und betrachten den Menschen und sein Bewußtsein oft viel umfassender und ganzheitlicher als diese. Leider fallen sie dabei oft ins Gegenteil, indem sie glauben, allein die Entwicklung des individuellen Bewusstseins könne positive politische Veränderungen bewirken.

Die Ignoranz gegenüber den historischen und strukturellen Dimensionen aber und die fehlende geistige Durchdringung der systemischen Dynamiken in unserer Gesellschaft ist schließlich politisch genauso naiv  wie die reduktionistische Sicht der alten Linken auf das Bewußtsein menschlich naiv war.

Integrales Bewußtsein kann meiner Meinung heute nur bedeuten, daß wir austreten aus dem klassischen Dilemma der Ineffizienz, entweder unser individuelles Bewußtsein oder die Strukturen der Gesellschaft zu betrachten. Integrales Bewußtsein bedeutet für mich: weg vom alten Entweder-Oder-Denken und hin zum sowohl als auch.

Gestern lag unser Schwerpunkt dabei auf der Ebene des Bewußtseins. Heute möchte ich uns einstimmen auf die Sensibilität gegenüber Mustern und Strukturen. Es geht also um die systemischen Dynamiken in sozialen Organismen.

 

Dorothy Day, eine kompromisslose Katholikin wie auch Anarchistin, die die katholische Arbeiterbewegung in den USA mitbegründete, wird in der letzten Ausgabe der KK mit folgendem Satz zitiert: „Unsere Probleme rühren daher, dass wir uns mit diesem völlig überkommenen und zum Himmel stinkenden System arrangieren.“ Welches System meint sie damit? Das kapitalistische Wirtschaftssystem allgemein? Die Funktionsweise des darin verborgenen herrschaftssicherden Finanzsystems im besonderen? Oder meint sie das Grundmuster der Herrschaft von Menschen über Menschen, also das Patriarchat, das darunter liegt?

Oder anders gefragt: Wie kann man ein System überhaupt als solches erkennen? Zum einen ist es natürlich hilfreich möglichst authentische Erfahrungen zu machen, die wir natürlich haben, wenn wir in einen System leben. Zum anderen braucht es aber auch einen gewissen Abstand, um nicht dermassen identifiziert zu sein, daß wir die Muster eines Systems  mit unseren eigenen  oder gar der Wirklichkeit an sich verwechseln. Ein überaus nützliches Ideal diesbezüglich haben sozialistische und christliche Ethik hier gemeinsam: „nämlich in der Welt, aber nicht von der Welt zu sein“.

In diesem Sinne möchte ich Euch heute morgen einladen, mal aus einer sehr großen und weiten Perspektive auf unsere gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung zu schauen. Rudolf Steiner hat mal gesagt, wer unser geschichtliches Geworden sein tiefer begreifen will, muß nach den roten Fäden in der Geschichte suchen, um sich nicht im Gestrüpp bloßer Tatsachen stecken zu bleiben. 

Mein roter Faden heißt Demokratie. Heute ist ja vielerorts auch von Demokratiereform die Rede. Wenn wir darunter verstehen, sozusagen patriarchatsimmanent einige Abstimmungsverfahren etwas transparenter oder gerechter, oder effizienter zu machen, werden wir damit wenig bis nichts bewegen.

Ich verstehe unter Demokratie: Ein Leben in Freiheit, Gemeinschaft und Selbstbestimmung. Gemeinhin übersetzt man Demokratie ja mit „Herrschaft des Volkes“. Wir leben ja in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Luxemburg durchaus in parlamentarischen Demokratien. Herrscht bei uns das Volk?

 

Demokratie und Wirklichkeit

 

Die ersten Autos, die vor rund hundert Jahren über die Strassen rollten, hatten noch Vollgummireifen und zum Starten musste der Motor angekurbelt werden. Die modernen westlichen parlamentarischen Demokratien sind teilweise schon über 200 Jahre alt. Doch während das „Prinzip Automobil“ rasant bis zur heutigen Luxuslimousine weiterentwickelt wurde, stecken die Versuche, Demokratie  zu organisieren, bis heute in den Kinderschuhen. Die Entwicklung der technischen Intelligenz, die unsere Gesellschaft hervorgebracht hat, steht in keinem Verhältnis zu ihrer sozialen Intelligenz. Es braucht keineswegs den Blick aus extrem linken oder rechten Positionen, um zu erkennen, dass die demokratischen Strukturen dieser Gesellschaft zeitgemäss weiterentwickelt werden können und sollten.

In der Mitte, im Herzen unserer Gesellschaft herrscht eine erschreckende Politikverdrossenheit. Echte Gestaltungsmacht, die Möglichkeiten unsere Lebenswirklichkeit und damit  ihre gesellschaftlichen Strukturen merklich zu verändern, finden wir heute nicht bei uns selbst und den Menschen unserer unmittelbaren Umgebung. Wir blicken vielmehr auf immer fernere und zentralisierte

Macht- und Einflussnehmer. Das sind bestenfalls noch Landesregierungen, eigentlich aber nur noch der Bund oder zunehmend eine undurchschaubare EU-Administration. Aber auch die scheinen uns zunehmend von noch globaleren und noch weniger von uns selbst mitbestimmbaren Zentralen im Hintergrund gesteuert zu werden. So hat zum Beispiel das Kontrollbestreben eines einzigen globalen Saatgutherstellers über den Welternährungsmarkt heute eine Situation geschaffen, wo zunehmend mehr Kulturpflanzen verschwinden, Millionen von Bauern in die Abhängigkeit von dieser Industrie geraten und in Indien derzeit in Folge der damit verbundenen Schuldenfalle Tausende von Bauern in den Selbstmord getrieben werden. Indien ist formal eine Demokratie.

Deutschland ist formal eine Demokratie. Immer mehr Menschen jedoch erleben die Entscheidungsträger als unerreichbar. Alle vier Jahre machen wir Kreuze auf Zettel. Die Zettel kommen dann in Urnen (!) und am Ende sitzen diejenigen Vertreter der Parteien im Bundestag, die „wir“ gewählt haben. Da unser parlamentarisches System nur die repräsentative Variante kennt, sind diese Parteienvertreter dann nicht mehr an den Willen ihrer Wähler gebunden. Ihre jeweiligen Parteizentralen und die wachsende Macht der Lobbyisten nehmen sich nun ihrer an.

Das Grundgesetz sieht die Mitwirkung der Parteien bei der politischen Willensbildung, nicht ihr Monopol darauf vor. Und wer wirkt noch mit bei der politischen Willensbildung? Diejenigen, die sich die stärkste und professionellste Lobby bei den jeweiligen Parlamenten und Regierungen leisten können: die Vertreter der Wirtschaft und vor allem der globalen Finanzbeweger.

In einigen kleineren Staaten, die vielleicht sogar Reste kleinräumiger binnendemokratischer Gliederungen bewahrt haben (wie zum Beispiel die Schweiz), mag noch mehr von den Idealen der bürgerlichen Demokratiebegründer übrig geblieben sein, grössere Staaten wie die Bundesrepublik oder gar die USA haben sich hinter der Fassade parlamentarischer Traditionen längst zu plutokratisch-technokratischen (Plutokratie = die Herrschaft des Geldes) Halbdemokratien entwickelt, in denen statt Volkes Wille die Despotie sogenannter Sachzwänge herrscht.

 

Demokratie und Verdrängung

 

ich verstehe unter Demokratie ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung. Demokratie wird jedoch oft mit „Herrschaft des Volkes“ übersetzt und diese „Volksherrschafft“ ist unter dem Mantel der verschiedensten Ideologien bereits sattsam missbraucht worden. Wo immer das einzelne Individuum „pur“ in Beziehung gesetzt wurde zu einen zentralen und anonymen Herrschaftssystem triumphierte letztlich das System „Herrschaft“ über Freiheit und Selbstbestimmung. Eine lebendige und funktionierende Demokratie braucht demokratische Strukturen an der Basis der Gesellschaft. Funktionierende Gemeinschaften oder vergleichbare gesellschaftliche Grundeinheiten, in denen Freiheit und Selbstbestimmung erfahren, eingeübt und bewusst praktiziert werden sind unverzichtbare Grundlagen und Schutzmembranen ohne die Demokratie im grösseren gesellschaftlichen Rahmen nicht funktioniert.

Dorfgemeinschaften, Arbeiterviertel, stabile Nachbarschaften oder andere intakte Sozialstrukturen sind in unserer Gesellschaft weitgehend aufgelöst oder in Auflösung begriffen. Damit befindet sich die Grundsubstanz der Demokratie in einem rapiden Verfallsprozess.

Ein Blick auf die noch existierenden Stammesgesellschaften zeigt uns, dass ein relativ selbstbestimmtes Leben in herrschaftsfreien Räumen in Gemeinschaft und Selbstbestimmung möglich ist. Besonders die wenigen noch vorhandenen mutterrechtlichen Gemeinschaftskulturen weisen ein hohes Mass an sozialem Frieden, Stabilität und bescheidenen Wohlstand auf.

Wer diesen Umstand als exotische Marginalie wegwischen will, übersieht, dass bis vor wenigen tausend Jahren auch bei uns in Europa eine „Gesellschaft in Balance“ existierte. Sowohl die moderne Matriarchatsforschung als auch die heutige Gemeinschaftsbewegung und –Forschung haben Verbindungslinien aufgezeigt zwischen jener herrschaftsfreien Kultur vor dem Patriarchat und den Aufbruchsimpulsen in Richtung Freiheit, Selbstbestimmung und Gemeinschaft unserer Tage.

Doch mit der Erwähnung mutterrechtlicher Gesellschaften begeben wir uns in eine verminte Tabuzone der offiziellen Geschichtsschreibung. Was war denn wirklich vor dem Beginn unserer offiziellen Geschichtsschreibung. Sind wir wirklich in einer Art linearem Aufstieg aus tierhaft unkultivierter Wildheit direkt in die frühpatriarchalen Sozialformen und von da an bis ins Licht unser heutigen modernen Zivilisation emporgestiegen?

Ich gehöre zu denen, die davon ausgehen, daß vor unserer herrschenden patriarchalen Lebensform eine völlig andere Kultur existiert hat. Und daß in der breiten Öffentlichkeit sowenig davon bekannt ist, liegt nicht nur daran, daß die Matriarchatsforschung noch nicht so alt ist. Es hängt mit der kollektiven Verdrängung einer Traumatisierung gigantischen Ausmasses zusammen.

Ähnlich wie die Machtergreifung des Nationalsozialismus, wenn sie weiter in der Tiefe und auch spirituell unaufgearbeitet und unverstanden bleibt, uns speziell in Deutschland am fruchbaren Zusammengehen von Spiritualität und Politik behindert,

so wird auch ein weiteres Verdrängen und Nichtverstehen jener Zeit vor dem Patriarchat unsere soziale Intelligenz in der Entwicklung nachhaltiger Demokratie beeinträchtigen.

Unter „Patriarchat“ verstehe ich hier im Sinne Ernest Bornemanns  die Herrschaft des Vaters, also des einen über alle, und nicht wie oft fälschlicherweise kolportiert wird „die Herrschaft der Männer über die Frauen“. Und anders als viele landläufige Vorurteile glauben machen wollen, war das Matriarchat eben nicht die einfache Umkehrung des Patriarchates unter Herrschaft der Frau. Es handelte sich dabei eher um eine weitgehend egalitäre, eben gerade herrschaftsfreie Menscheitsepoche. Und eben dies zu denken fällt uns nach über sechstausenjähriger patriarchaler Sozialisation nicht so leicht.

 

Demokratie und Geschichte

a)    die Geschichte vor der Geschichte

 

Vor dem Patriarchat bestand die Grundeinheit der Gesellschaft aus der mutterrechtlichen Sippe. Das waren eine Gruppe miteinander durch die Mutter verwandter Frauen(also Schwestern), die gemeinsam mit ihren Kindern und Brüdern lebten. Die Geliebten und Männer dieser Frauen waren in der Regel die Brüder der Frauen ihrer Nachbarsippen, die ihren Lebensschwerpunkt auch dort behielten. Der sichere Lebensort der Kinder war also die Sippe ihrer Mütter. Und ihr stabiles Bezugsfeld an erwachsenen Männern, ihre sozialen „Väter“ also, waren die Brüder ihrer Mütter. Ihre „biologischen Väter“ galten nicht als mit ihren Kindern verwandt und versahen ihren väterlichen Dienst gegenüber den Kindern ihrer Schwestern in der eigenen Sippe. Die Kinder hatten also ein recht stabiles soziales Umfeld, daß nicht vom möglichen Wechsel der Liebespartner jedes mal völlig umgekrempelt wurde.

 

Es gab wohl den Besitz von persönlichen Gegenständen. Aber der „Reichtum“ der Sippe, Vieh, Ernteerträge usw. gehörte der Gemeinschaft und wurde von den Müttern verwaltet.

Entscheidungen fielen im „gegliederten Konsens“,dh. sie wurden zuerst in getrennten Versammlungen der Frauen und Männer beraten. Kam es nicht zu einer Einigung entschied die Stimme der ältesten Mutter. Auch im Zusammenschluss der Sippen zu Stämmen wurde in ähnlicher weise entschieden, wobei sich die Sippen nicht in den größeren Verband hinein auflösten, sondern ihre Selbstständigkeit behielten !!! D.h. die Frauen- und Männerräte, die die Stammesangelegenheiten zu regeln hatten, bauten auf den konkreten Beschlüssen ihrer Sippen auf. Was zu Folge hatte, daß möglichst wenig oben (auf Stammesebene) und möglichst viel unten (auf Sippenebene) geregelt wurde. Eine Art Ur-Subsidiaritätsprinzip also! Mehr will ich an dieser Stelle nicht dazu aufführen. Wer es genauer haben will, dem kann ich nur wärmstens dieses kleine Büchlein von Heide Göttner-Abendroth empfehlen.

 

Die Erinnerung an eine friedliche Zeit vor Einführung der Herrschaft ist weltweit in fast allen Kulturen durch Geschichten über „goldene Zeitalter“ erhalten. Wir können auch sagen: hier ist das Urbild echter Demokratie, wenn wir darunter die Gleichzeitigkeit von Freiheit, Gemeinschaft und Selbstbestimmung verstehen wollen.

Die frühantike griechische Kultur erinnert sich noch, da gibt es einerseits die Mythen vom goldenen Zeitalter und andererseits aber auch die Erinnerung an die Gewaltsamkeit des Wandels. Die frühesten Tragödien um die Bachien und die Orestie spiegeln den letzten Abglanz davon wieder.

 

b) der Wandel

 

Wie kam es aber nun zum Wandel? Um den Vortrag nicht allzulang werden zu lassen, habe ich schon die Schilderung der Sippengesellschaft stark vereinfacht. Zum Wandel müßte man eigentlich noch viel differenzierter ausholen. Aus Zeitgründen hier aber doch der Versuch rekordhafter Kürze:

Am plausibelsten halte ich die Forschungsergebnisse von James deMeo, die Saharasia-These. Vor ca. 7000 Jahren waren die heutigen Wüstengebiete der nördlichen Halbkugel noch fruchtbares Land. Dann kam die Klimakatasthrophe!

Versteppung und Ausbreitung der Wüstengebiete zwangen die Menschen zu immer verzweifelteren Wanderungsbewegungen. Weitentfernt von ihren Sippen agierende Jäger/Wassersucher/Männergruppen handelten zunehmend im „Ausnahmezustand“, ihre Anführer entschieden immer häufiger allein, ohne Rückkoppelung an ihre Sippen- oder Stammesräte. Oft schafften sie es nicht mehr, Wasser und Nahrung noch den weiten Weg zurück zu Frauen und Kindern zu bringen. Irgendwann gab es auch den einen oder anderen verzweifelten Entschluß, wir lassen sie in der Wüste zurück und retten uns selbst.

Und irgendwann stießen einige dieser sippenlosen Männergruppen am Rande Wüste wieder auf fruchtbares Land indem andere Sippen lebten. Und vielleicht wurden einige von ihnen von den Sippen dort auch friedlich aufgenommen und assimiliert. Aber nicht alle. Einige der Jägergruppen wandelten sich in Räuber und Kriegergruppen, wo die Häuptlinge und nicht mehr der gegliederten Konsens entschieden.

Als diese Männergruppen zur Raubwirtschaft übergingen, holten sie sich wohl zuerst noch Vieh und Korn, dann aber auch bald Frauen und Kinder. Die Gefangenen eines Kriegers wurden seine Sklaven (das lateinischen Wort privare heißt rauben). Mit dem Privatbesitz war das Prinzip Herrschaft entstanden, eine bis dahin unbekannte Form der sozialen Beziehung. Die Herrschaft Einzelner höhlte zunehmend die Rechte der Gemeinschaft in Sippen und Stämmen aus.

Und an Stelle der mutterrechtlichen Sippe war schließlich eine völlig entgegengesetzte Verwandschaftsstruktur entstanden. Die Grundeinheit dieser neuen Gesellschaft war die Familie. Der Vater als Besitzer der Familie (nach frührömischem Recht sogar Herr über Leben und Tod nicht nur seines Viehs und seiner Sklaven, sondern auch seiner Frauen und Kinder) gebot über Frau oder Frauen, deren Kinder (wodurch nun das Interesse, wer sie denn wohl gezeugt habe, erheblich zunahm), seine Sklaven und sein Vieh.

Und damit sich die Familienbesitzer innerhalb eines Verbandes nicht gegenseitig beraubten, gaben sie einen Teil ihrer Macht an die Häuptlinge ab, die nun zunehmend als Fürsten zwei Dinge zu tun hatten: für erfolgreiche Beutezüge nach außen und Ruhe und Ordnung nach innen zu sorgen. So kamen mit dem Privatbesitz der Beute, der Sklaverei und der Familie auch der Staat und damit der Krieg in die Welt.


c)    die Geschichte nach dem Wandel

 

Im antiken Griechenland sind die Staaten noch relativ klein. Rom ist dann bereits ein kontinenteübergreifendes Imperium. In der Schule wurden uns die Demokratie in Athen und die römische Republik als Wiegen unserer Demokratie dargestellt. Doch was waren sie wirklich? Sie waren Räubergesellschaften, gemeinsam regiert von den Boden-,Familien- und Sklaven-Besitzern. Die antike Gesellschaft basiert offen auf der Ausbeutung von Sklaven. Da wo wir von attischer Demokratie und römischer Republik sprechen, handelt es sich um Herrschaftsteilungen innerhalb einer hauchdünnen aristokratischen und Grundbesitzerschicht auf dem Rücken der weitaus grösseren Zahl nicht daran beteiligter Menschen. (2 Beispiele) Und auch diese „vierteldemokratischen“ Ansätze der Antike gingen schliesslich in despotischen Imperien auf. Die Basis der römischen Kaiserherrschaft sind Militär und Geldherrschaft.

Damit sind die Kernaspekte der Demokratiegeschichte bereits genannt, den Rest der Geschichte können wir im in diesem Zusammenhang im Galopp abhandeln. Seit der französischen Revolution sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die hohen Ideale jeder Demokratiereform.

Sie waren in der mutterrechtlichen Gemeinschaftskultur tiefer verankert als in jedem Staatsansatz der Neuzeit oder der Moderne. Die französische Revolution, ihre verschiedenen bürgerlichen Folgerevolutionen oder auch die sozialistischen Revolutionen der letzten Jahrhunderte kann man auch als unbewusste Suchbewegungen verstehen, hin zu einer Gesellschaft, die vor rund 6000 Jahren zugrunde ging und dennoch in den Träumen der Menschheit weiterlebt.

Gewisse Aspekte von Selbstbestimmung und Selbstversorgung spielen in bescheidenem Umfang nochmal in der Dorfgemeinschaft des Mittelalters eine Rolle.

Als aber zu Beginn der Neuzeit die Geldwirtschaft wieder an Bedeutung gewinnt, ist es vorbei mit der relativen Freiheit der Dörfer und die absolute Herrschaft der Landesfürsten über Land und Leute führt schliesslich zur extremen Herrschaftsform der Despotie.

Vor diesem Hintergrund werden schliesslich im achtzehnten Jahrhundert die bürgerlichen Ideale der Demokratie formuliert. Die französische Revolution fordert Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Rudolf Steiners „Dreigliederung der Gesellschaft“ baut nicht zuletzt auf diesen drei Idealen auf. Der Lauf der Geschichte hat gezeigt, das die französische Revolution vornehmlich die Gleichheit der Bürger (dem Adel und Klerus weitgehend gleich) vor dem Gericht und die Freiheit für Handel und Gewerbe von der Enge zentralstaatlicher Regelungen bewirken konnte. An der Verwirklichung der Brüderlichkeit ist sie schliesslich gescheitert. So hat sie zwar erfolgreich die Eliten ausgewechselt, nicht aber die Mehrheit des Volkes zu Freiheit und Selbstbestimmung geführt. Ihr Wüten gegen vermeintlich konterrevolutionäre Strukturen hat sogar noch letzte Reste gemeinschaftlicher Selbstbestimmung auf dem Lande verwüstet und der Herrschaft des Geldes unterworfen.

Im Prinzip sind die meisten der bürgerlichen Revolutionen diesem Muster der „Mutter der Revolutionen“ gefolgt. Und weil es ihnen nicht gelang, das Versprechen der Brüderlichkeit einzulösen, setzten nun in Folge die sozialistischen Revolutionen ein. Diese versuchten nun allzu oft, die Brüderlichkeit auf Kosten der Freiheit durchzusetzen. Sie unterschieden sich von den bürgerlichen Revolutionen durch den klaren Anspruch, den grossen Massen der Menschen Freiheit von Armut und Not zu bringen, sie blieben aber ähnlich wie ihre bürgerlichen Vorreiter im gleichen Grundparadigma patriarchaler Herrschaft verhaftet: in der unhinterfragten Verherrlichung des Zentralstaates. Nicht der Aufbau demokratischer Basisstrukturen sondern die Machtübernahme in den Zentralen war ihr Anliegen. Somit tauschten auch sie lediglich die Eliten aus und stellten das Prinzip Herrschaft ebenfalls nicht infrage.

Nur für jeweils ganz kurze Zeiträume und begrenzte Gebiete wurden konsequente Versuche zum Aufbau demokratischer Basisstrukturen (meistens von Anarchisten, z.B. im Verlaufe der  russischen Revolution oder im spanischen Bürgerkrieg) unternommen. Die „Sowjet(=Räte !)union“ wurde bald zur Parodie rätedemokratischer Freiheit, da die Räte zu Ausführungsorganen der Partei mutierten.

Angesichts des historischen Scheiterns sozialistischer und anarchistischer Demokratiebestrebungen scheint es uns allerdings angebracht, darauf hinzuweisen, dass im Lichte der französischen Revolutionsideale betrachtet, auch die westlichen plutokratisch-technokratischen Halbdemokratien weit von echten Demokratien, wo Freiheit und Selbstbestimmung für alle gelten, entfernt sind.

 

 

 

Demokratie und Gemeinschaft

 

Die volle Entfaltung seiner Freiheit und Selbstbestimmung ist dem Individuum nur im Rahmen funktionierender Gemeinschaft möglich. Den meisten Menschen leuchtet ein, dass wir als isolierte Einzelwesen nicht überlebensfähig sind.

Solange wir jedoch  „Gemeinschaft“ mit der „Gesellschaft überhaupt“ verwechseln, werden sich keine realistischen Perspektiven auftun. Ein anonymer Zentralverband von über achtzig Millionen Menschen, der von Berlin aus verwaltet wird, oder auch  von Brüssel oder der Wallstreet, ist kein Gemeinschaftssystem sondern das Gegenteil, ein Herrschafftssystem !

Politische Demokratie vom Kopf auf die Füsse stellen heisst für uns ganz allgemein: Stärkung von Gemeinschaftsstrukturen und im konkreten:

-          Prüfung aller politischen Entscheidungen, ob sie dem Gemeinwohl dienen, und dies nicht nur innerhalb einer Haushaltsperiode sondern im Hinblick auf die nächsten sieben Generationen

-          Schutz und Förderung noch bestehender gewachsener und funktionierender Gemeinschaftsstrukturen (Verfassungsrang!)

-          Förderung von Neugründungen intentionaler und wahlverwandschaftlicher Gemeinschaftsprojekte

-          Bewusstseinsarbeit für Gemeinwohlorientierung auch und gerade in der Bildung besonders in Schulen, Hochschulen, Erwachsenenbildung und politischer Bildung

-          Entwicklung intelligenter Basisstrukturen, die auch für Menschen, die (derzeit) nicht in Gemeinschaften leben wollen, dennoch die volle demokratische Teilhabe ermöglichen

 

Demokratie und Bewusstsein

 

Den schleichenden Abbau demokratischer Rechte und bürgerlicher Freiheiten nehmen derzeit sehr viele Menschen nicht wahr. Geht er doch einher mit der scheinbar grenzenlosen Ausweitung anderer „Freiheiten“. Unsere „Kundenfreiheiten“  ermöglichen die Auswahl zum Beispiel eines Brotes in heute über zwanzig Varianten, wo wir früher nur die Wahl zwischen zwei oder drei Produkten hatten. Ebenso steigt die Zahl der Fernsehprogramme oder gar der Informationsmöglichkeiten durch das Internet. Doch wenn wir zum Beispiel bei Nachrichtensendungen genauer hinhören, stellen wir fest, dass es keineswegs so viele verschiedene Einschätzungen zu Ereignissen wie Sender gibt. Wir müssen im Gegenteil eine zunehmende Vereinheitlichung von sprachlichen Mustern und Bewertungen gibt feststellen. In vielen Bereichen täuscht die Vielfalt der Produkte oder Varianten über eine Verarmung an echten Qualitäten, differenzierten Aussagen und Themen hinweg.

Wir nehmen einen grossen Teil der Werbung, Berichterstattung und Unterhaltung heute als eine Art konzertierter Gehirnwäsche wahr. Dabei ist es von untergeordneter Bedeutung ob dahinter eine Art Masterplan steht oder „nur“ die Eigendynamik der zunehmenden Kommerzionalisierung der Medien- und Unterhaltungsindustrie. Klar ist allerdings, dass damit sowohl unser politisches Bewusstsein wie auch die Wahrnehmung echter, authentischer Impulse überhaupt, zunehmend auf der Strecke bleibt.

Die Sensibilität gegenüber unseren wirklichen Bedürfnissen ist aber eine Art Grundvoraussetzung für demokratisches Bewusstsein. Wenn wir nicht Opfer der Manipulation durch Fremdinteressen werden wollen, kommen wir nicht umhin, zwischen Kaufentscheidungen und wirklichen Grundbedürfnissen wieder unterscheiden zu lernen. Doch was sind authentische Bedürfnisse?

-          menschliche Wärme und überschaubare Beziehungsfelder

-          sinnlicher Kontakt zu Raum und Zeit, Beziehung auch zu Orten, Sicherheiten in Rhytmen

-          wo wir gleichzeitig Geborgenheit und Freiheit empfinden, erleben wir Heimat

-          wie will ich wirklich leben, was und wie wirklich, wirklich arbeiten?

-          Die Ermöglichung sinnstiftender und lebensdienlicher Arbeit

-          Selbst- und Welterkenntnis als Grundausstattung für politische Kompetenz

-          Politik ist die Kunst der Gemeinschaft, nicht der abgehobene Bereich von Herrschaft

Die gegenseitige und umfassende Durchdringung der hier aufgezeigten  Phänomene und Fragen  scheint uns die bewusstseinsmässige Voraussetzung zur Entwicklung nachhaltig demokratischer Verhältnisse.

 

Demokratie und Konflikt

 

Der letzte grosse Ansatz, ganzheitliches Bewusstsein und politische Gestaltung wieder zusammenzubringen, die 68er –Bewegung, hatte zwar keine explizit spirituelle Dimenssion dafür aber eine hohe Kompetenz in der Wahrnehmung von Interessengegensätzen. Diesen Ansatz im integralen Sinne zu überschreiten hiesse für uns heute einerseits, seine Fehler zu vermeiden ( zum Beispiel die Provokation und den Konflikt überzubewerten), andererseits aber auch seine Grunderkenntnisse in unser heutiges Bewusstsein zu integrieren. „Wenn wir nicht handeln, werden wir behandelt“ muss nicht unbedingt als ein Aufruf zum Aktionismus verstanden werden. Wir können in diesem Satz auch die Erkenntnis vorfinden, dass es Kräfte gibt, die anderes wollen als wir, und das diese Kräfte durchaus mächtig sind. Gerade im spirituellen Milieu  neigen wir manchmal dazu, diese Tatsache zu ignorieren.

Es gibt sie in der Tat, jene Kräfte, die dem Gemeinwohl entgegenstehen, und die Vorteile von ganz wenigen um fast jeden Preis gegen alles in der Welt durchsetzen wollen.

Im Zusammenhang mit dem Thema Demokratie sind hier nun nicht die ja noch in vielen Ländern herrschenden Diktaturen gemeint. Im Kontext unserer westlichen parlamentarischen Systeme drückt sich Herrschaft und Despotie eben nicht durch die Charaktereigenschaften individueller Tyrannen oder die Alleinherrschaft einer Partei aus. Die Despotie des modernen kapitalistischen Patriarchates und speziell seiner sich verstärkenden plutokratischen Komponenten ist weniger die Despotie böswilliger Individuen als die totalitäre Herrschaft sogenannter Sachzwänge.

Der politische „Gegner“ ist also immer weniger klar in irgendwelchen fernen politischen- oder wirtschaftlichen Zentralen auszumachen und immer deutlicher in unserem eigenen Bewusstsein.

Natürlich gibt es die destruktiven Kräfte auch im aussen. Ihre tatsächliche Macht über uns erlangen sie aber hauptsächlich durch die weitgehend unkritische Akzeptanz durch unser Bewusstsein. Die tatsächliche  und umfassende Despotie  gemeinschaftszersetzender Muster und Strukturen, z.B. des Zinnssystems wird nur dadurch übermächtig, dass die Vielen einige Regeln, die nur dem Interesse ganz weniger dienen, ungeprüft und als Grundellemente eigener Wirklichkeitskonstruktionen in ihr Denken assimiliert haben.

Der unumgängliche und notwendige Konflikt mit diesen Mustern kann sich für uns aber heute nicht mehr schwerpunktmässig in der Auseinandersetzung mit den Nutzniessern dieser Muster erschöpfen sondern erfordert zunehmend unsere Auseinandersetzung mit den Mustern selbst!

Das aber ist ohne ein gerüttelt Mass an Selbsterkenntnis kaum möglich. Es ist menschlich und allein für sich noch keine Katastrophe, wenn jemand auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Es ist ebenso „normal“(und machmal sogar lebensnotwendig), die Wahrnehmung von Leiden auch mal verdrängen zu können. Wenn wir aber heute die Möglichkeit, schnell viel Geld zu verdienen mit der bewussten Ignoranz eventuell daraus resultierendes Leidens zu einem reflexhaften Muster gerinnen lassen, entsteht daraus etwas strukturell „böses“.

Das Erkennen des „Feindes“ auch im eigenen Denken ist eine Grundvoraussetzung, wenn wir nicht weiterhin nur Personen bekämpfen oder Eliten auswechseln sonder politisch destruktive Muster erkennen und auflösen wollen.

Den Kampf gegen gesellschaftlich destruktive Muster auf eine Auseinandersetzung mit den sie vertretenen Personen zu reduzieren ist geistig genauso naiv wie  die Ignoranz gegenüber Interessengegensätzen überhaupt politisch naiv ist. Wir haben den drei klassischen Verhaltensformen, wie Menschen auf bedrückende Verhältnisse reagieren „Anpassung, Zerbrechen oder Widerstand“ eine neue Form hinzuzufügen: den Aufbau umfassender Wahrnehmung und eines intelligenten Willens!

 

Demokratie und Zukunft

 

Um unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen realistische Strategien zur Veränderung zu entwerfen brauchen wir klare Ziele. Wann immer wir vermeintlich realistisch und pragmatisch aber ohne klare Ziele auf die Fragen der Gegenwart reagieren reproduzieren wir unbewusst meistens die Muster der Vergangenheit. Ein visionäres Ziel und eine realistische Planung bedingen einander und können nur zusammen eine positive Wirkung entfalten. Wer nur in der Vision lebt, verliert den Boden unter den Füssen, wer sich nur an die naheliegenste Fakten hält, tappt blind im Kreis herum.

Deshalb legen wir kein perfekt durchgeplantes Gesellschaftsmodell vor, können aber sehr wohl einige essenzielle Grundzüge benennen, die die Demokratie der Zukunft auszeichnen werden:

-          Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbstversorgung bilden die inneren und äusseren Voraussetzungen für das politische Engagement reifer Bürger

-          Politik wird wieder als Kunst der Gemeinschaft und nicht als Karrierefeld oder Domaine einer herrschenden Kaste gesehen

-          Lebensfähige Gemeinschaften oder diesen politisch in Grundzügen ähnelnde Versammlungen werden  die Grundeinheiten einer von der Basis her gegliederten demokratischen Gesellschaft sein

-          Gemeinschaften und Gemeinden werden sich in relativ und tendenziell autarken Regionen mit funktionsfähigen Wirtschafts- Finanz- und Entscheidungskreisläufen zusammenfinden

-          Förderale Zusammenschlüsse über die Regionen hinaus finden in echter Subsidiarität und unter Wahrung der Souveränität der jeweils unteren Einheiten statt

-          Vielfalt an der Basis und ethischer Grundkonsens gehören zusammen. So werden die heutigen nationalen Staaten gleichermassen Kompetenzen nach unten und oben abgeben

-          Der „gegliederte Konsens“ wird an der Basis der Gesellschaft , in den Gemeinschaften, gepflegt und ggf. modifiziert in den Regionen und auch den darüber hinausgehenden Förderationen praktiziert.

Dabei  kommen die besten Erfahrungen und Erkenntnisse sowohl stammeskultureller wie auch mutterrechtlich-gemeinschaftlicher und auch moderner gemeinschaftsorientierter Kommunikationskultur zum Zuge:

·         Meinungbildung/Entscheidungen in voneinander getrennt tagenden aber aufeinander bezogenen Frauen- und Männergruppen

·         Zusammenkommen von Räten, deren Mitglieder nicht nur Ihrem Gewissen sondern auch dem Willen der sie entsendenden Gruppen  verpflichtet sind

·         Einrichtung von „Ältestenräten“, die aus Menschen bestehen, die sich nicht mehr an allen tagespolitischen Dingen beteiligen, deren Meinung von den Gemeinschaften und Gemeinden in anderer Weise geschätzt wird

·         Entwicklung von Verfahren, die auch die Wünsche von Kindern und von Lebensformen, die nicht verbal mit uns kommunizieren, in die Entscheidungsfindung von Gemeinschaften einbezieht

·         Forumsarbeit, gewaltfreien Kommunikation und andere Verfahren, die sich bei der Gemeinschaftsbildung bewährt haben

 

Deswegen fangen wir ja auch hier mit der Forumsarbeit in den Regionalgruppen auch schon an. Deswegen haben wir das ja bei Holon und bei unseren regionalen Konferenzen im Norden schon seit einiger Zeit geübt. Und deswegen möchten wir das auch gern in den politischen Parteien und Organisationen einführen. Selbst- und Welterfahrung gehören zusammen. Wer die Arbeit an Zukunftsweisenden Programmen, das Wissen um politische und historische Muster  und Strukturen und die Wahrnehmung und Übung des eigenen Kommunikationsverhaltens gegeneinander ausspielen möchte, ist eben noch nicht im integralen Bewußtsein angekommen. Wir hier aber, und das darf jetzt ruhig ein klein bißchen Stress auslösen, Wir sind jetzt und hier von der Evolution an diesen Platz gerufen worden, weil es unser Job ist, mit diesen veralteten Trennungen aufzuhören. Wir können nicht mehr zurück in nur Selbsterfahrung oder nur philosophieren. Wir können uns weder in die Erleuchtung noch in die Revolution flüchten. Wir sind hier, weil diese Menschheit, dieser Planet und damit diese Gesellschaft eine umfassendere Wahrnehmung und ein umfassenderes Bewusstsein braucht. Dabei kann die Frage nicht sein, wie viele von den anderen denn da jetzt sofort mitziehen würden. Es kann nur darum gehen, diese komplexere Wahrnehmung der Welt und den Willen, unser bestmöglichstes zu tun in möglichst authentischer Tiefe anzunehmen. Und das nicht irgendwann, sondern jetzt!

 

Danke!

 

 

Empfehlenswerte Hintergrundliteratur:

 

Heide Göttner Abendroth: Der Weg zu einer egalitären Gemeinschaft; Das Matriarchat

Ernest Bornemann: Das Patriarchat

Jochen Kirchhoff : Was die Erde will

Prof. Johannes Heinrichs: Revolution der Demokratie

Bernd Hercksen: Vom Urpatriarchat zum globalen Crash?

Gandalf Lipinski : Die Matrix der Freiheit (in KursKontakte 15); Die Sommerland Chroniken


B- CHARTA-ENTWURF FÜR EIN EUROPA DER REGIONEN


Die Alternative

 

Entweder, wir nehmen es weiter hin und lassen zu, daß:

 

-          die natürlichen Resourcen der Erde, die letzten intakten Naturräume, sensibel gestaltete Kulturräume, in denen Menschen im Einklang mit ihrer Umgebung leben und wirtschaften, dramatisch ausgebeutet und zerstört werden und damit unter anderem unumkehrbare Klimaveränderungen verursachen;

-          der weitaus größte Teil der Menschen, die nicht in Europa oder den anderen Zentren der privilegierten Metropolen leben, zunehmend verarmt, verelendet und einer demokratischen und selbstbestimmten Zukunft beraubt wird;

-          Armut, Unterdrückung und Not sich weltweit zunehmend in Hass auf Minderheiten, Kriminalität, regionalen Kriegen, Aufständen und anderen Formen der Gewalt bis hin zum andauernden globalen Weltbürgerkrieg entladen;

-          Die Millionen der entrechteten, entwürdigten und perspektivlosen Menschen der anderen Erdteile ihr letzte Möglichkeit in der großen Völkerwanderung zur Festung Europa sehen;

 

-          daß auch in Europa die Souveränität der nationalen Parlamente zunehmend ausgehöhlt wird, auf Druck des Kapitals die sozialstaatlichen Strukturen auch hier zunehmend demontiert, die öffentlichen Dienste und andere Errungenschaften der Allgemeinheit zunehmen „privatisiert“ und damit entweder auf maximalen Profit getrimmt oder abgewickelt werden;

-          daß das immer größer werdende untere Drittel der Bevölkerung auch in den reichen Ländern unter immer prekäreren Umständen lebt, immer abhängiger von staatlichen Transferleistungen wird und von der Teilhabe an der Gesellschaft zunehmend ausgeschlossen wird;

-          daß also auch in Europa der Nährboden für Kriminalität, Gewalt und andere Verzweiflungstaten wächst;

-          daß die Mittelschichten zunehmend gespalten und vom Absturz bedroht sind, immer mehr von denen, die noch Arbeit haben, diese im Bereich von Dumpinglöhnen, Leiharbeit oder erzwungener Pseudo“selbstständigkeit“ leisten müssen, und die Zahl der noch halbwegs sicheren und angemessen bezahlten Jobs sinkt und  zu immer härteren Konkurrenzkämpfen führt;

-          daß allen, die noch Privilegien genießen, die oberen Segmente der Mittelschichten, die „Besitzer“ von guten Stellen, privilegierter Ausbildung, Kapital, Grund und Boden oder anderer Güter, die Jugend der Eliten in ihren privaten Kaderschmieden der letzte Rest von sozialer Verantwortung abtrainiert wird, daß Geist und Kultur, Humanität, Menschenwürde und Demokratie auch in den bürgerlichen Eliten  den zunehmend kriegerischer werdenden Idealen der konsequenten Konkurrenz und des maximalen Profites geopfert werden;

 

-          daß die Logik eines ungezähmten Kapitalmarktes also immer mehr Lebensbereiche der Selbstbestimmung durch die Gemeinschaft entreißt und der Herrschaft der maximalen Rendite unterstellt

 

oder:

 

wir stehen jetzt auf, sagen laut „Stop!“ und setzen uns aktiv und konsequent ein für einen demokratischen Wandel zu einer selbstbestimmten, gemeinwohlorientierten Gesellschaft. Dazu legen wir den Entwurf einer „Charta für ein freies Europa“ vor.


Europäische Unabhängigkeitserklärung

 

-  Zum Wohle der Menschen und Regionen in Europa

 

zur Erlangung, Bewahrung und Weiterentwicklung von Freiheit und Demokratie

 

-   in Anerkennung der geschichtlichen Verantwortung Europas sowohl für die Verursachung als auch die Überwindung einer immer plutokratischer werdenden globale Zivilisation

 

- und in der Hoffnung, damit einen heilsamen Beitrag zur Bewahrung und Wiedererlangung von Lebensqualität und Menschenwürde für die gesammte Menschheit und den Planeten Erde zu leisten

 

schlagen wir folgende Rahmenvereinbahrungen für den Aufbau eines nachhaltig sozialen, demokratischen und mit der Natur kooperierenden Europa vor:

 

1.    demokratischer Wandel

 

Die derzeitigen Bestrebungen zur Vereinheitlichung und politisch/ökonomischen Machtkonzentration zugunsten sich globalisierender Konzerne und auf Kosten des Gemeinwohls, der Menschen- und Bürgerrechte sowie  der Souveränität der nationalen Parlamente werden aufgegeben. Die Menschen Europas weisen die Herrschaftsansprüche der globalen Finanzeliten zurück und nehmen die Gestaltung ihrer Gemeinschaften und einer demokratischen Gesellschaft selbstbestimmt und gemeinsam in die eigenen Hände.

 

2.    Vielfalt

 

Die Menschen und Völker Europas anerkennen, daß sie bei allen Gemeinsamkeiten auch im Reichtum einer großen geographischen und kulturellen Vielfalt leben. Sie schätzen diese Vielfalt und wollen sie nicht nur als folkloristisches Brauchtum leben, sondern zur vitalen Basis einer selbstbestimmten und gemeinwohlförderlichen Gesellschaft machen.

 

3.    Regionale Gliederung

 

Der Kernpunkt einer nachhaltigen Demokratiereform besteht daher darin, die derzeit schleichende Aushöhlung der Souveränität der nationalen Parlamente zugunsten einer europäischen Zentrale umzukehren in eine Verlagerung der Souveränität zugunsten sich zunehmend selbstversorgender und selbstbestimmender Regionen.


4.    Souveränität der Regionen

 

Als Träger der politischen Souveränität treten die Regionen die Nachfolge der Nationen an. Im Zusammenspiel von  demokratischer Selbstbestimmung, regionaler Diversität, Naturverträglichkeit und optimaler ökonomischer Selbstversorgung sind diese den alten, zentralistischen, zu großen und zu bürgerfernen Systemen der alten Nationalstaaten  weit überlegen.

Die Basis eines sich demokratisch zusammenfindenden Europas sind damit weder ein paar Dutzend Nationalstaaten ( in dem immer die kleinsten kaum Gewicht haben und die größten dominieren) noch die politisch kaum demokratisch zu kontrollierenden globalen Konzerne. Der Souverän eines solchen Zusammenschlusses sind vielmehr die Menschen, die sich in ca. 500 autonomen Regionen selbstbestimmt, in großer Vielfalt und gemeinschaftlich organisieren.

 

5.    Grundrechte, Menschenwürde und Gemeinschaft

 

Erlangung, Erhalt und Weiterentwicklung der Grundrechte und der Menschenwürde des Einzelnen, der Schutz und die Förderung der die Einzelnen tragenden Gemeinschaft an der Basis, sowie der lebensdienliche Umgang mit den natürlichen Resourcen gehören untrennbar zusammen und bilden die unverzichtbare Basis eines nachhaltig demokratischen Europa.

 

6.    demokratisch gegliederte Basis

 

Basisgemeinschaften, die nicht größer sind als daß jedes Mitglied ihre anderen Mitglieder noch kennt, sind die menschliche Keimzelle, der Ausgangspunkt und die  Grundeinheiten einer nachhaltig funktionierenden Demokratie. In ihren Versammlungen wird eine direkt-demokratische Entscheidungskultur gepflegt und die Delegierten für die größeren Zusammenschlüsse (Gemeinden, Kreise, Region) gewählt.

 

7.    Subsidiarität

 

Nur solche Aufgaben, die die jeweilige Basisgliederung nicht zufriedenstellend selbst regeln kann, werden an die jeweiligen größeren Zusammenschlüsse delegiert.

 

8.    Imperatives Mandat

 

Die Delegierten einer Gebietsversammlung sind  weisungsgebunden an die Aufträge ihrer jeweiligen Basisversammlungen oder der sie entsenden Gebietsversammlungen und sehen ihre Hauptaufgabe darin, den politischen Willen der sie entsendenden Basis mit dem der anderen Basiseinheiten in einen Konsens zum Nutzen des größeren Ganzen zu bringen.

Dadurch wird sichergestellt, daß die gewählten Delegierten die Interessen ihrer Wähler und nicht in erster Linie ihre eigenen oder die anderer Interessengruppen vertreten.

 

9.    Förderationen

 

Zur gemeinsamen Regelung von Aufgaben, die eine Region nicht allein zufriedenstellend bewältigen kann, schließen sich die Regionen zu Förderationen zusammen, ohne ihre Souveränität aufzugeben. Das Subsidiaritätsprinzip und das imperative Mandat gelten wie bei der Binnengliederung der Regionen auch bei ihrer Vernetzung zu Förderationen. Regionen bilden Regionalförderationen, diese Großförderationen, diese die Europäische Förderation.

 

10. Demokratie-, Wirtschafts- und Finanzreform

 

Die Rahmenvereinbarungen der hier kurz skizzierten Demokratiereform werden detailierter im Anhang A (Demokratiereform) dargestellt.  Die wichtigsten Konsequenzen einer demokratischen, gemeinwohlorientierten und lebensdienlichen Selbstbestimmung für die Wirtschaft und das Finanzwesen werden in den Anhängen B und C erläutert.

 

11.  Menschenbild und Bewußtsein

 

Diese Charta beschreibt Ziele, die wir im Hinblick auf ein nachhaltig demokratisches Europa für anstrebenswert halten. Dabei geht es uns um den Geist des großen Ganzen. Wir verzichten bewußt darauf, zu viele Konkretionen und zu viele Details dieses anstehenden Wandels zu formulieren. Wir wollen nicht zu viele Einzelheiten des Lebens zu einheitlich und zentral vorbestimmen, weil wir aus der Geschichte gelernt haben, daß die bestgemeinten Lösungen, wenn sie denn von zu fernen, zu großen und zu mächtigen Zentralen über die Menschen gestülpt wurden, oft mehr Leid als Nutzen brachten.

Wir betonen in dieser Charta die Basisgemeinschaften und die Regionen, weil wir glauben, daß hier die Montagepunkte sind, an denen sich Bewußtsein hin zu mehr Selbstbestimmung und einer lebensdienlicheren und gemeinwohlorientierteren Gesellschaft entwickeln wird. Die Charta will nicht vorschreiben, wie die Gemeinschaften sich im inneren zu verhalten oder zu organisieren haben. Sie ist vielmehr ein Credo an die Menschen. Wir glauben an die fast unbegrenzt steigerbare Kreativität und soziale Intelligenz der Menschen, wenn man ihnen ermöglicht und sie darin unterstützt, ihre eigenen Angelegenheiten sebstbestimmt und gemeinsam in die Hand zu nehmen.

Unser Menschenbild gebietet uns, den anstehenden Wandel jetzt anzusprechen, zu fordern und zu fördern. Eine nachhaltige Absicherung wirklich demokratischer Lebensverhältnisse lässt den Fortbestand der derzeitigen Herrschafts- und Machtstrukturen nicht länger zu.

Eine menschliche Kultur, die es will oder zulässt, daß ein Großteil ihrer Menschen in der Abhängigkeit von Sklaven gehalten werden, ist und bleibt eine Herrschaftskultur, egal wie ihre Verfassungen formuliert werden. Eine Gesellschaft, die es unterlässt, ihre Menschen in den größtmöglichen Zustand substantieller Freiheit zu versetzen sabotiert die Menschliche Evolution.

 

 

Demokratiereform

 

 

1. Grundrechte und Menschenwürde

 

Nachhaltige Demokratie ermöglichen und stärken wir dadurch, daß wir die Grundrechte (gemäß GG Absatz I in seiner ursprünglichen Fassung) sowie die Menschenwürde (...) jedes Einzelnen sowie auch der Gemeinschaften, die die einzelnen tragen, absichern und stärken. Dazu gehört unter anderem auch die Einführung eines bedingungslosen und existenzsichernden Grundeinkommens.

 

2. Schutz der Gemeinschaft

 

Nachhaltige Demokratie baut sich von der Basis her auf. Sie beginnt dort, wo Menschen den Willen und die Fähigkeit entwickeln, so selbstbestimmt und gemeinsam wie möglich zu regeln, wie sie wirklich leben wollen. Daher erhält der Schutz und die Förderung von Gemeinschaftsstrukturen an der Basis der Gesellschaft den gleichen Verfassungsrang wie die Grundrechte des Einzelnen.

 

3. Basis der Demokratie

 

Es erscheint uns nach den Erfahrungen der Geschichte  und heutigem Erkenntnis-

Stand empfehlenswert, daß diese Basisgemeinschaften

1.    größer sind als die derzeitigen Familienverbände, um eine ökonomische und psychosoziale Stabilität über mehrere Generationen zu ermöglichen; und

2.    nicht eine Größe, wo noch jedes Mitglied jedes andere kennt,  überschreiten.

Es erscheint im Sinne der in Absatz 2 genannten Vielfalt jedoch angebracht, die exakte Größe sowie die innere Gliederung und Gestaltung dieser Basisgemeinschaften diesen im höchstmöglichen Umfang selbst zu überlassen. Die reichhaltigen Erfahrungen der Ökodorf-, der Gemeinschafts- und der Transition Town - Bewegungen könnten hier inspirierend einfließen. Dabei ist auf die Balance zwischen den Grundrechten des Individuum und denen der Gemeinschaft zu achten.

 

4. Schutz des Individuums

 

Individuen, welche in den Zeiten des Wandels oder in Ausnahmefällen auch zukünftig keiner Basisgemeinschaft angehören wollen oder können, sind im Rahmen des Verbundes mehrerer Basisgemeinschaften (Kommune/Gemeinde) in die soziale Grundabsicherung und die demokratische Teilhabe eingebettet.


5. Gemeinden, Kreise, Städte

 

Mehrere Basisgemeinschaften bilden aus traditionellen, kulturellen und Selbstversorgungsgründen Kommunen oder Gemeinden. Sie lösen sich nicht in diese hinein auf, bleiben als Grundeinheiten der poltischen Willensbildung bestehen und vergeben nur die Aufgaben an die Kommunen/Gemeinden, die sich allein nicht zufriedenstellend regeln können.

Die Kommunen/Gemeinden ihrerseits schließen sich nach den selben Grundsätzen zu selbstverwalteten Kreisen oder Städten zusammen.

Dieses von den kleineren zu den umfassenderen Körperschaften sich vollziehende Prinzip gilt unabhängig davon, ob sich darin  Dörfer und Kleinstädte zu Kreisen oder Quartiere und Stadtviertel zu Städten formieren.

 

6. autonome Regionen

 

Mehrere selbstverwaltete Kreise oder Städte schließen sich zu einer autonomen Region zusammen. Die autonomen Regionen sind nicht nur soziale und politische Körperschaften sondern im Idealfall auch wirtschaftlich (materielle Grundversorgung) und kulturell (geistig, seelisch, soziale „Grundbedürfnisse“) so autark wie möglich.

Im geographisch eher kleingliedrigen Europa liegt es nahe, daß die Regionen u.a. auch von der Landschaft her gebildet werden und sich dabei nicht unbedingt an die Verwaltungs-, und Staatsgrenzen eines national und zentralstaatlich gestalteten Europa halten müssen. Ebenso können auch historisch und kulturell gewachsene Zusammenhänge den Zuschnitt einer Region mit bestimmen.

 

7. Souveränität

 

Die Basis eines sich demokratisch zusammenfindenden Europas sind damit weder ein paar Dutzend Nationalstaaten ( in dem immer die kleinsten kaum Gewicht haben und die größten dominieren) noch die politisch kaum demokratisch zu kontrollierenden globalen Konzerne. Der Souverän eines solchen Zusammenschlusses sind vielmehr die Menschen, die sich in ca. 500 autonomen Regionen selbstbestimmt, in großer Vielfalt und gemeinschaftlich organisieren.

Im Sinne der höchsten Souveränität treten die autonomen Regionen die Nachfolge der Nationen an. Im Zusammenspiel von  demokratischer Selbstbestimmung, regionaler Diversität, Naturverträglichkeit und optimaler ökonomischer Selbstversorgung sind diese den alten, zentralistischen, zu großen und zu bürgerfernen Systemen der alten Nationalstaaten  weit überlegen.

Voraussetzung einer solchen Neugliederung Europas ist der Wille seiner Bürger, ökonomische und politische Strukturen, die eher der Absicherung der Herrschaft überkommener Eliten dienen, zugunsten solcher Strukturen zu verändern, die die demokratische, selbstbestimmte und gemeinwohlorientierte Teilhabe aller ermöglicht.

 

8. Subsidiarität und förderale Strukturen

 

Die Autonomen Regionen sind die wichtigste Träger und Garanten einer selbstbestimmten, lebensdienlichen und gemeinwohlorientierten Willensbildung. Sie sind von innen her schon nach dem Susidiaritätsprinzip gegliedert und aufgebaut. Die Basisgemeinschaften entscheiden über die Politik der Gemeinden, diese über die der Kreise und die dann über die der Region. Nur die Bereiche, die eine Körperschaft nicht selbst regeln kann werden an die Nächstgrößere delegiert. Somit werden „Spezialisten“ für alle Lebensbereiche schon an der Basis gebraucht und gestärkt. Und Demokratie wird lebendiger an der Basis geübt, wenn ihr nicht nur begrenzte „Spielwiesen“ zugewiesen werden; sondern Sachverstand und Kompetenz zu allen politischen Fragen gefordert sind.

Das gleiche Subsidiaritätsprinzip gilt auch für alle förderale Zusammenschlüse über die Regionen hinaus. 

 

9. regionale, kulturelle und europäische Förderationen

 

Um einzelne Bereiche ihrer Grundversorgung zu verbessern, die Lebensqualität ihrer Menschen zu verbessern, mit den Überschüssen ihrer Selbstversorgerwirtschaft zu handeln, zum geistigen und kulturellen Austausch und zur gegenseitigen solidarischen Hilfe in Notsituationen schließen sich die Autonomen Regionen zu Regionalförderationen zusammen, ohne dabei ihre politische Souveränität aufzugeben. Aus den gleichen Gründen und unter den gleichen Bedingungen schließen diese sich wiederum zu größeren Förderationen zusammen.

So sind zum Beispiel Großförderationen oder Kulturförderationen denkbar, die in etwa das Gebiet eines der heutigen Nationalstaaten umfassen. Diese hätten dann aber kaum noch viel zentrale Verwaltungsaufgaben sondern eher die gemeinsame Pflege einer Sprache oder andere eher geistig/kulturelle Gemeinsamkeiten.

Die Europäische Förderation schließlich ist dann der gemeinsame Dachverband aller ca 500 Autonomen Regionen Europas.

Bei all dem gilt: je größer die Förderation, umso weniger und vor allem weniger materiell sind ihre Aufgabenfelder.

10. Weltförderation

 

Zu dem Zeitpunkt schließlich, an dem andere Teile der Menschheit auf anderen Kontinenten sich selbstbestimmt zu ähnlichen demokratischen Förderationen zusammengefunden haben, wäre der Zeitpunkt gekommen, an dem sich die Europäische Förderation mit andern zu einer Weltförderation verbindet. Davor verbietet sich aus historischen Gründen eine zu starke Einflußnahme Europas auf die Selbstbestimmungsprozesse in der übrigen Welt.

 

11. politische Willensbildung

 

Anstelle der alten Parteien treten die Basisgemeinschaften an den Anfang der politischen Willensbildung. Damit wird das de facto Monopol der Parteien auf die Gestaltung der Gesellschaft aufgehoben und die Teilhabe aller am demokratischen Prozess gestärkt. Sollte dennoch ein Bedürfnis zur Bildung oder Beibehaltung von Parteien bestehen, so wird diesen die Assoziations- und Versammlungsfreiheit im Sinne der Grundrechte zugestanden. Sie werden aber wie andere Vereine auch behandelt und nicht mehr mit den Privilegien, die sie im Rahmen der repräsentativen Demokratie hatten, ausgestattet.

 

12. Basis- und direkte Demokratie

 

In den Basisgemeinschaften werden alle zur Teilnahme an den Entscheidungen zu allen Feldern der Politik ermutigt. Im überschaubaren Bereich, wo die Beteiligten sich von Angesicht zu Angesicht kennen, wird ein verantwortungsbewußtes Miteinander in allen Lebensbereichen geübt. Durch den gegliederten Konsens und andere Kommunikationsverfahren, die in der humanistischen Psychologie, der Gemeinschaftsbewegung, traitionellen Gemeinschaften oder anderen vergleichbaren Zusammenhängen entwickelt wurden wird darauf geachtet, die kreativen Potentiale möglichst aller Individuen zur Förderung einer kollektiven und sozialen Intelligenz zusammenzubringen.

Die regelmäßigen Versammlungen der Basisgemeinschaften (und ggf. auch gelegentlich noch der Kommunen/Gemeinden) sind die zentralen Orte und Gelegenheit, zu denen alle Menschen zur Praktizierung der direkten Demokratie eingeladen sind. In direkter Wahl werden auf diesen Basisversammlungen die Delegierten der Basisgemeinschaft für die Gemeindeversammlung (und darüber indirekt für alle politischen Ebenen darüber hinaus) gewählt.

 

13. imperatives Mandat und Gebietsversammlungen

 

Ab der Größenordnung, wo aufgrund der Menschenmenge eine Versammlung nicht mehr kommunikativ, differenziert und effizient genug stattfinden könnte, tritt ein Delegiertensystem an die Stelle der Vollversammlungen.

Die Basisversammlungen wählen dazu je eine Frau und einen Mann (+ggf deren Stellvertreter) in die Gemeindeversammlung. Die Gemeindeversammlungen wählen nach dem selben Muster Delegierte für die Kreis(Stadt/Stadtteil-)versammlungen, diese wieder wählen nach dem selben Muster die Delegierten in die Regionalversammlung. In gleicher Weise setzt sich das Sytem bis in die obersten Förderationsversammlungen fort.

Die Versammlungen auf allen Ebenen verstehen sich aber nicht selbst als politische Souveräne. Sie sind vielmehr weisungsgebunden an die Aufträge ihrer jeweiligen Basisversammlungen oder der sie entsenden Versamlungen und sehen ihre Hauptaufgabe darin, den politischen Willen der sie entsendenden Basis mit dem der anderen Basiseinheiten in einen Konsens zum Nutzen des größeren Ganzen zu bringen.

Daher kann die entsendende Basisgliederung ihre Delegierten jederzeit wieder abberufen, wenn sie sich nicht optimal durch diese in der jeweiligen Versammlung  vertreten sieht. Dadurch wird sichergestellt, daß die gewählten Delegierten die Interessen ihrer Wähler und nicht in erster Linie ihre eigenen oder die anderer Interessengruppen vertreten.

Sollte ein Delegierter dadurch in einen Gewissenkonflikt mit der ihn entsendenden Basis geraten, kann er sein Mandat jederzeit an diese zurückgeben.

 

14. Gewaltenteilung

 

Parallel zu den Gebietsversammlungen wird in ähnlicher Weise und ausgehend von Ältestenräten und Mediationsinstanzen an der Basis ein System von Schiedsgerichten bis hin zum Regionalgericht aufgebaut. Die Regionen setzen gegebenenfalls diesen „judikativen“ Aufbau auf der Ebene der Förderationen fort.

Die Gebietsversammlungen entsprechen am ehesten des Legislative im alten repräsentativen System. Sie sind allerdings stark aufgewertet und geben die Richtlinien der Politik vor. Weniger Macht als im alten System hat die ausführende Gewalt. Die Versammlungen bauen zu ihrer Unterstützung Administrationen mit Exekutivfunktionen auf. Die Spitzen dieser Administrationen arbeiten selbstständig und hauptberuflich, sind aber den Beschlüssen der Versammlungen unterstellt und können von diesen im Konfliktfall entlassen werden.

 

15. Parteien und Politiker

 

Politik wird entwickelt und verfeinert zur „Kunst der Gemeinschaftsgestaltung“. Das Ziel einer nachhaltigen Demokratie ist es, das Niveau der sozialen Intelligenz derart zu erhöhen, das alle Menschen direkt an ihr teilhaben können. Anders als im alten repräsentativen Parlamentarismus muß das Volk daher nicht mehr von Parteien und hauptberuflichen Politikern vertreten werden.

Die Funktionen als Delegierte stehen prinzipiell allen Menschen offen. Sie werden in der Regel nicht so lange wie die Abgeordneten bisher in den Parlamenten sitzen, eher ehrenamtlich oder ev. auf Teilzeitbasis tätig sein und die Versammlungen eher mit dem Sachverstand aus anderen Lebensbereichen befruchten als die alten Berufs- oder Karriereparlamente.

Da es theoretisch möglich ist, daß ein Delegierter, wenn er von der Basis und den jeweiligen Versammlungen unterstützt wird, direkt von der Gemeindeversamlung bis zur Europäischen Förderationsversammlung hineinwirken kann, braucht niemand mehr, um politisch mitzuwirken, eine jahrzehntelange Anpassungsleistung im Milieu einer bestimmten Partei zu absolvieren.

Impulse von der Basis können so in relativ kurzer Zeit bis in die umfassendsten Förderationszusammenhänge hineinwirken.

 

 

Demokratische Wirtschafts, Steuer- und Finanzreform 

 

1. Wirtschaft

 

Haben im alten System die Menschen zu arbeiten und zu konsumieren, um die Interessen der Wirtschaft zu bedienen, und diese so zu produzieren, wie es der Finanzsektor erwartet, so wird in der neuen lebensdienlichen und gemeinwohlförderlichen Kultur dieser Mechanismus umgekehrt.

Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, den Bedürfnissen der Menschen zu dienen und ihre Versorgung mit den materiellen Lebensgrundlagen sicherzustellen. Sie wird sich daher hauptsächlich im regionalen Rahmen bewegen und dort optimale Wirtschaftskreisläufe ermöglichen. Der Umgang mit Waren und Dienstleistungen, aber auch mit Resourcen, Energie und Abfall hat den vitalen Interessen der Menschen und der Natur der Region zu dienen und sich auch dort in möglichst geschlossenen Kreisläufen zu realisieren.

 

2. Geld

 

Die Autonomen Regionen stellen sicher, daß Geld künftig der regionalen Wirtschaft und den Menschen dort dient statt umgekehrt.

Zu diesem Zweck sind nur noch regionale Banken zugelassen, die von den Regionalversamlungen kontrolliert werden. Die Regionen emittieren eigene Regionalwährungen und unterstützen etwaige Basisgemeinschaften bei Experimenten, intern ggf. ganz auf Geld verzichten zu wollen. Die Regionalgelder sind auf ihre Funktion als Tauschmittel reduziert.

Der Mechanismus von Zinns und Zinnseszinns wird ausgesetzt und der Handel mit Geld sowie alle anderen Bestrebungen, Geld lediglich zum Geldverdienen einzusetzen werden eingestellt.

Für den Fernhandel bilden die Regionen spezielle Vereinbarungen oder Währungsverbünde oder gestatten der Europäischen Förderation, eine nichtverzinnsbare und „wahrenkorbgedeckte“ Fernwährung (siehe den „Terra“ Vorschlag von Bernhard Lietaer) herauszugeben.

 

3. Transport und Verkehr

 

Der öffentliche Personenverkehr sowie der Gütertransport innerhalb einer Region stehen unter der Hoheit der Region und werden von dieser  selbst geregelt.

Bei funktionierenden regionalen Wirtschaftskreisläufen werden viel mehr Menschen als bisher in der Nähe ihrer Wohnorte und Lebensschwerpunkte arbeiten, vielmehr Dienstleistungen, Produktionen und Warentransporte innerhalb der Region verbleiben und nur noch ein Bruchteil des heutigen Personenfern- und Warentransports notwendig sein. Darin besteht auch mit der wichtigste Beitrag der Regionen zum schonenden Umgang mit den natürlichen Resourcen des Planeten.

Die verbleibenden (unter Punkt 12 genannten) Fernverkehrsbedürfnisse werden arbeitsteilig im Rahmen der Regionalförderationen oder der Europäschen Förderation im Auftrage und von den Regionen gemeinsam organisiert.

 

4. weitere Bereiche

 

Für viele der hier nicht im einzelnen besprochenen Bereiche, insbesondere aber die Ernährung, das Gesundheitswesen, die Schulen und das Bildungswesen, Wissenschaft und Forschung, Kunst; Kultur und das geistige Leben der Gesellschaft gilt sinngemäß, was hier über Basisgemeinschaften, Subsidiarität und die autonomen Regionen gesagt wurde:

Alle Lebensbereiche nehmen ihren Ausgang in den Basisgemeinschaften. Was dort nicht zufriedenstellend geregelt werden kann, wird auf die nächstgrößere Ebene delegiert, und so weiter bis zur Autonomen Region. Einige Bereiche scheinen von der Sache her eher beim größeren Verbund angesiedelt zu sein (z.B eine Universität).

Viel mehr aber als wir uns heute vorstellen, wird es auch bereits ganz dicht an der Basis zu zufriedenstellenden Lösungen kommen, wenn die Menschen ermutigt werden, selbst zu bestimmen, wie sie leben wollen.

Aber auch jene Lebensbereiche, die von einer Region nicht allein zu bewältigen sind, könnten sich als viel weniger herausstellen, als wir heute meinen.

Deshalb ist es sehr wichtig, daß bei allen Großprojekten die Souveränität der Regionen gewahrt bleibt und diese freiwillig und auf Augenhöhe miteinander kooperieren.

 

KONVERGENZ


GESELLSCHAFT FÜR GANZHEITLICHE WAHRNEHMUNG, BEWUSSTSEINSENTWICKLUNG UND TIEFENÖKOLOGIE e.V.



SOMMERLAND - CHRONIKEN


TEIL 3


HEIMAT oder


Die Gemeinschaft der Zukunft


Die intentionale Gemeinschaft der siebten Generation als gemeinsame Basisstruktur für individuelle Freiheit und eine nachhaltige und gemeinwohlorientierte Demokratie


Inhalt:

1. Woher kommen wir? Auf wessen Schultern stehen wir? Eine kurze Ahnengalerie S. 3

2. Wo stehen wir heute? Ein vorläufiges Fazit S. 6

3. Wohin geht die Reise? Vier Basiskomponenten einer nachhaltigen Gemeinschaft der 7. Generation S. 7

4. Eine überfällige Debatte. – Kommentare zur Gesamtstrategie und der isolierten Verfolgung von Einzelaspekten S. 11


3,-Eur


Zum Geleit:


Die Aussagen, Thesen und Schlüsse dieser Schrift basieren auf einer über dreißigjährigen sowohl theoretisch als auch in verschiedenen Erfahrungsfeldern praktisch gewonnen Einsicht in das Themenfeld Gemeinschaft.

Eigene Gemeinschaftsinitiativen, die Erfahrungen in bestehenden Gemeinschaften der fünften und sechsten Generation (siehe Teil 1), praktische künstlerische, therapeutische, kommunikationsmethodische, rituelle und tiefenökologische Zugänge zum Gemeinschaftsaufbau waren dabei genauso wichtig

wie eine eingehende Befassung mit geschichtlichen Themen (Geschichte der Revolutionen, Reform-, und Befreiungsbewegungen, Einordnung der verschiedenen Gemeinschaftsbewegungen in ihre jeweiligen historischen Zusammenhänge so wie in das 6000jährige Ringen zwischen Gemeinschaft und Herrschaft) und der modernen Gemeinschafts-, und Matriarchatsforschung.


So ist es nur allzu verständlich, wenn sich Leserinnen und Lesern ohne die genannten Hintergründe die Konsequenz der hier gezogenen Schlüsse nicht sofort oder gar leicht darstellt. Der thematische Zusammenhang will nicht nur erfahren sondern auch geistig erarbeitet sein.

Ich habe dennoch versucht, so voraussetzungslos wie nur möglich zu formulieren.

Wer sich vorher zur Einstimmung oder nachträglich zur Vertiefung noch etwas theoretischen Hintergrund dazu wünscht, der sei – wenn es kurz und komprimiert sein soll- auf die SOMMERLAND CHRONIKEN Teil 1 und 2,

oder

wenn es eine eigenständigere Einarbeitung in die komplexen Zusammenhänge sein soll auf folgende Literatur verwiesen:


Bernd Hercksen: Vom Urpatriarchat zum globalen Crash?

Der Aufstieg einer verkehrten Welt und die Suche nach der richtigen


Heide Göttner Abendroth : Der Weg zu einer egalitären Gemeinschaft

                „                    : Das Matriarchat

Ernest Bornemann: Das Patriarchat

Jochen Kirchhoff: Was die Erde will

             „             : Nietsche, Hitler und die Deutschen

Prof. Johannes Heinrichs: Revolution der Demokratie

Ulrich Linse (Hrsg): Zurück, o Mensch zu Mutter Erde

Dolores LaChapelle: Die Weisheit der Erde

Bernhard Lietaer: Das Geld der Zukunft


Diese dritte Schrift der Reihe SOMMERLAND – CHRONIKEN widme ich in Dankbarkeit Bernd Hercksen.


Gandalf Lipinski im Mai 2011


Woher kommen wir?

Auf wessen Schultern stehen wir?


Eine kurze Ahnengalerie:


Vor dem Patriarchat, also vor der Einführung des Prinzips der Herrschaft von Menschen über Menschen, war die Gemeinschaft in Form der mutterrechtlichen Sippe die Grundlage einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Die Gesellschaft, sowohl die einer mutterrechtlichen Stammeskultur wie auch die einer matriarchalen städtischen Zivilisation bestand aus einem Netzwerk von Gemeinschaften. Gemeinschaft und Gesellschaft waren identisch.


Durch den Beginn des Übergangs zum Patriarchat vor ca. 6000 Jahren ( der in diesem Zusammenhang nicht genauer beschrieben werden kann, aber an anderer Stelle detailierterer dargestellt wurde) beginnt ein gesellschaftlicher Erosionsprozess, in dem das Prinzip Gemeinschaft zunehmend unterdrückt, ausgehöhlt und durch immer effizienter werdende Herrschaftssysteme ersetzt wird. Dieser Prozess hält bis heute an. Wir können all die Versuche, Gemeinschaft bewußt und willentlich neu zu begründen daher durchaus und mit Recht in eine sehr lange Tradition des Widerstandes gegen das Prinzip Herrschaft einordnen. Wir können unsere Geschichte und die Geschichte all der Revolutionen, Reform- und Befreiungsbewegungen auch als eine große menschliche Suchbewegung verstehen, nach einer Lebensform, die über Tausende von Jahren bereits friedlich existierte und funktionierte. Auch wenn der Prozess ihrer Abwicklung nun schon über 6000 Jahre währt und bis heute andauert, blieb der Abglanz ihrer versunkenen Realität in den Mythen, Träumen und Sehnsüchten der Menschheit bis heute erhalten.


Aus der Weisheit der verschiedenen noch naturreligiösen Völker wissen wir, daß der Kontakt zu den eigenen Ahnen entscheidend ist, sich von den Kräften der Gegenwart nicht zu sehr fremdbestimmen zu lassen und die Kraft für eine selbstbestimmte Zukunft zu entwickeln. Wenn wir in diesem Sinne auf unsere Vorgänger schauen, geht es also nicht um eine museale Vergangenheitspflege, auch nicht darum, ihre Strukturen eins zu eins zu kopieren, sondern um ein tieferes Verständnis ihrer Stärken und Schwächen. Erst die vitale Verbindung zu einer zwar längst vergessenen oder verdrängten aber einer in der Mitte des Lebens und der Wirklichkeit stehenden eigenen Möglichkeit gibt uns die nötige Kraft, authentisch für eine selbstbestimmte Zukunft zu gehen.


Wir können an dieser Stelle nicht die gesamte Geschichte zwischen dem Untergang der mutterrechtlichen Gesellschaft und ihrer Wiederentdeckung in der Moderne aufrollen

(wie es Bernd Hercksen in seinem empfehlenswerten Buch tut). An dieser Stelle sollen nur die wichtigsten geistigen Impulse genannt und die gesellschaftlichen Bewegungen kurz angesprochen werden, die die große Suchbewegung seit dem 18. Jahrhundert hervorgebracht hat.


Von der Aufklärung, über die religiös-spirituellen Befreiungsimpulse der frühen Neuzeit, die radikaldemokratischen Ideen der bürgerlichen Revolutionen, die Renaissance des ganzheitlichen Welterlebens in der Frühromantik, die utopischen Sozialisten, den Anarchismus, die Jugend- und Lebensreformbewegung vor und nach dem ersten Weltkrieg, die 68er, die Hippies, die verschiedenen Splitter der Alternativbewegung bis zu den KulturKreativen heute reichen die geistigen und kulturellen Impulse, die auch die verschiedenen Wellen (hier Generationen genannt) von Gemeinschaftssuchern bewegt haben. Bevor wir die in der jetzigen Krise anstehende Transformation zur siebten Generation der intentionalen Gemeinschaften genauer darstellen, seien hier ihre sechs Vorgängertypen kurz (und grob vereinfacht!) aufgezeigt:

  1. Die religiös motivierten Auswandererkommunen, die ein geistig zu enges und kriegerisch zu zerrissenes Europa verließen und zu einem sehr großen Teil in Nordamerika eine Neue Heimat suchten. Sie hatten meistens ein klaren gemeinsames spirituell-religiöses Weltbild und wurden oft von sich klar dazu auch bekennenden Führungspersönlichkeiten geprägt.

  2. Die Kommuneversuche der Früh-(oder utopischen)Sozialisten Anfang des 19. Jahrhunderts. Hier kamen zu Vorformen einer gewissen Selbstbestimmung in Gemeinschaft und sozialen Experimenten auch klare ökonomische und politische Konzepte dazu. Die Menschen wollten nicht nur aussteigen aus einer immer mehr die Gemeinwesen und gewachsenen Sozialzusammenhänge zerstörenden Megamaschine; sie wollten auch modellhaft Lösungen aufzeigen, die der ganzen Gesellschaft den Ausstieg aus der Herrschaft des Kapitals ermöglichte. Ihre Erfolge und Lebensdauer waren ebenfalls zum größten Teil durch die Genialität und persönliche Integrität einzelner Führungspersonen bestimmt.

  3. Die Lebensreformbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts beginnt und bis zum Ende der Weimarer Republik andauerte. Sie brachte schließlich die bis heute breiteste, tiefste und komplexeste Gemeinschaftsbewegung hervor. Sie bestand einerseits aus einem gewissen Rückzug aus den Massenbewegungen einer für unreformierbar gehaltenen Gesellschaft (auch die Marxisten und die SPD mit ihrer staatsfixierten Strategie wurden von der radikalen Systemkritik der Lebensreform schon zu den historischen Akten gelegt); andererseits stellt sie aber gleichzeitig auch unübersehbar den Anspruch auf ein ganzheitliches Denken auch und gerade in der Politik dar. An die Stelle geschlossener religiösen Weltbilder tritt nun eine große Vielfalt sowohl der spirituellen Suche wie auch der unterschiedlichsten Formen im Zusammenleben von Frauen und Männern. Im Unterschied zu späteren Generationen ist aber hier der Aufbruch zu einer neuen selbstbestimmten Kultur noch nicht getrennt von der kritischen Analyse der kapitalistischen Gesellschaft und klaren ökonomischen Zielen. Sie erkannte gleichzeitig die Grenzen eines einseitig materialistischen und rationalistischen Denkens wie auch in großen Teilen bereits die gemeinwohlzersetzende Funktion des Zinssystems. So gab es in fast allen Kommunen, egal ob sozialistisch, anarchistisch, christlich, jüdisch, atheistisch oder gar völkisch orientiert, das Prinzip der „kommunistischen“ Gemeinschaftswirtschaft. Ihre Ideologischen Offenheit wurde ihr beim Aufkommen des Nationalsozialismus zum Verhängnis. Ein Großteil der Lebensreformer widerstand der Naziideologie, mußte fliehen oder wurde vom neuen Regime unterdrückt. Es gab aber auch Teile der Bewegung, die sich dem Regime aus Taktik oder aus Überzeugung annäherten und erleben mußten, wie dieses ihre Ideale pervertierte. Aber selbst den völkisch orientierten nutzte das nichts. Auch sie wurden schließlich von der NSDAP verboten.

  4. Die Ökodorfbewegung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert stellte schließlich die ökologische Komponente in den Mittelpunkt der Gemeinschaftsbildung. Sie tat das zum Teil so radikal, daß wesentliche andere Elemente, die den Vorgängerbewegungen noch bewußt und präsent waren, wieder in den Hintergrund oder gar ins Vergessen gerieten. Ähnlich wie viele andere Alternativprojekte wurde sie teilweise zu einer Ein-Punkt-Bewegung, verlor damit den Kontakt zum gesellschaftlichen Umfeld und wurde zum Nischenphänomen. Beeinflußt von antiautoritären Ideen der 68er tritt hier die Bedeutung der Führungspersonen mehr in den Hintergrund. Oder in den Untergrund?
  5. Noch stärker in Gegensatz zum gesellschaftlichen Mainstream brachte sich schließlich die fünfte Generation der Gemeinschaftsprojekte, die sich als soziale Experimente verstanden und die psychosozialen, therapeutischen und anthropologischen Komponenten ins Zentrum ihrer Gemeinschaft stellten. Sie waren in gewisser Weise Nachfolger der zweiten, frühsozialistischen Welle, da sie sich bei aller Radikalität oft auch als Zukunftswerkstätten für das große Ganze verstanden. Kommunikationstechniken und die Arbeit am Individuum nehmen aber hier so viel Raum ein, das die Ebene gesellschaftlicher Reflexion oder gar Konzepte viel stärker als bei den Vorgängern in den Hintergrund tritt. Da dem Prozessleiter, Therapeuten oder wie auch immer Führer dieser Laboratorien hier wieder mehr Gewicht zufällt, werden die sozialexperimentellen Kommunen häufig wieder ganz stark von oft charismatischen Persönlichkeiten geprägt.

  6. Da vielen Menschen die Radikalität der sozialexperimentellen Gemeinschaften oder ihrer Führer als zu eng oder gar dogmatisch erschien, bildete sich in einer breiter und differenzierter werdenden Welle gegen Ende des 20. Jahrhunderts schließlich die sechste Generation der heutigen pluralistischen Gemeinschaftsbewegung heraus. Von einigen als „Hobby-Gemeinschaft“ oder „Gemeinschaft light“ bespöttelt, bietet sie doch für fast jedes Bewußtsein irgendwo eine Zugangsmöglichkeit. Man ist selbstverständlich undogmatisch (manchmal mit konzept- oder strukturlos verwechselt!), gibt dem Einzelnen sehr viel mehr individuelle Möglichkeiten und praktische Hilfen, sich in Gemeinschaft fühlen zu können als andernorts. Einige praktische Komponenten früherer Gemeinschaften werden einzeln übernommen, Gesammtzusammenhänge aber eher vernachlässigt. Führung ist in den meisten dieser Gemeinschaften eher verpönt. Die moderne pluralistischen Gemeinschaften haben den Zugang für viele Menschen aus dem Mainstream deutlich erleichtert. Dafür zahlen sie aber auch einen Preis. Sie stehen immer wieder in Gefahr ihr KulturKreatives Potential aus den Augen zu verlieren, und damit ihre Funktionen in Bezug auf die anstehende Transformation der Gesamtgesellschaft zu verfehlen.



Wo stehen wir heute?

Ein vorläufiges Fazit:


Wenn wir fähig und gewillt sind, die Zusammenhänge von Tschernobyl bis Fukushima, vom Klimawandel bis zu den sich entfaltenden strukturellen Wirtschafts- und Finanzkrisen, von sich hilflos ausgeliefert fühlenden Individuen bis zur fortschreitenden Demontage sozialstaatlicher Strukturen

nicht nur in einzelnen Fehlentscheidungen sondern als Systemlogik einer von niemandem mehr zu kontrollierenden finanzgesteuerten Megamaschine zu sehen, die nur noch der Herrschaft der Rendite und nicht mehr dem Gemeinwohl dient,


wenn wir den beginnenden Wandel der Gesellschaft nicht als Opfer erdulden sondern möglichst selbstbestimmt und gemeinsam gestalten wollen,


und wenn wir anerkennen, daß die Gemeinschaftsbewegungen für die Entwicklung einer nachhaltig demokratischen und gemeinwohlorientierten Gesellschaft mindestens genauso maßgebend beitragen, wie die Massenorganisationen (Parteien, Gewerkschaften und andere zivilrechtliche Organisationen, Netzwerke oder Impulse),


dann liegt der Schluß nahe, daß auch die Gemeinschaftsbewegung heute gefordert ist, eine neue Komplexität und Tiefe zu entwickeln, die der Tragweite und Konsequenz entspricht, welche heute historisch wie auch von der Evolution her geboten ist.


Dabei kann es nicht darum gehen, die vergangenen Stufen der Gemeinschaftsbewegung pauschal als unzureichend zu diskriminieren. Es geht hier überhaupt nicht um moralische Bewertungen. Es geht im nüchternen Licht historischer Betrachtungen vielmehr darum, ihre jeweiligen Motive, ihre Stärken, aber auch ihre spezifischen Schwächen zu verstehen, um daraus Konsequenzen für Tiefe und Komplexität einer kommenden Form von Gemeinschaft wenigsten Ansatzweise skizzieren zu können.


Außerdem steht die Notwendigkeit im Raum, die Erkenntnisse der modernen Matriarchats-, und der Gemeinschaftsforschung zu integrieren. Wir brauchen die historische Tiefendimension, um die nachhaltig funktionierende Gemeinschaft nicht nur aus ihren neuzeitlichen und modernen Wiederbelebungsversuchen sondern aus der Kraft des Orginals her entwickeln zu können.


Bei der Entwicklung eines neuen, eines siebten Typs von Gemeinschaft, geht es um nicht mehr und nicht weniger als um den Aufbau einer gesellschaftlichen Basisstruktur, die gleichermaßen nach innen den Individuen eine optimale Absicherung und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten ermöglicht, wie auch nach außen in der Vernetzung mit anderen Gebilden gleicher Qualität den Boden für den Aufbau einer nachhaltig demokratischen Gesellschaft bildet.



Wo wollen wir hin?

Unverzichtbare Basiskomponenten einer nachhaltigen Gemeinschaft der siebten Generation:


1. Ebene: die Sippe und die Basisgemeinschaft

(anthropologische, psychosoziale Ebene)


Ein Kern von ca 5-12 Frauen (in mutterrechtlichen Zeiten hätte es gehießen: „die von den gleichen Müttern abstammen“, heute wäre dieser Zusammenschluß ein freiwilliger, bewußter und willentlicher Zusammenschluß, eventuell mit der Absicht, daraus die alte Tradition wieder entstehen zu lassen) lebt gemeinsam mit ihren Kindern (*1) und Männern (*2).

(*1: unabhängig vom jeweilig aktuellen Verhältnis ihrer Mütter zu den jeweiligen biologischen Vätern ist und bleibt die Sippe das stabile soziale Biotop, der verbindliche menschliche Wärmeraum für die Kinder.)

(*2: in mutterrechtlichen Zeiten wären diese Männer die Brüder der Frauen, nicht ihre Geliebten, und somit die sozialen „Väter“ ihrer Schwesterkinder, nicht die biologischen. Die Geliebten der Frauen hätten Gaststatus in der Sippe und ein „Heimatrecht“ in der Schwestersippe, der sie in der Regel entstammen. Eine „eins zu eins“-Rekonstruktion dieser vergangenen Verwandschaftsstruktur scheint aus mancherlei Gründen für viele heute weder wünschenswert noch machbar. Deshalb wird an die Stelle früherer Selbstverständlichkeiten heute eher eine Vielzahl intentionell zu regelnder Modelle treten.)

Ob die Sippe als echte mutterrechtliche Verwandschaftsstruktur wieder angestrebt wird (Model A), oder nur ihre Essentials als Sozialstruktur übernommen werden (Modell B) oder gar nur als reine Größenordnung ohne entsprechende Binnenstruktur genutzt wird (Modell C), wird entscheidend für den nachhaltigen Zusammenhang im sozialen Kern und für den Zusammenhalt der Generationen sein.


Die wichtigsten Essentials sind:

  • eine Frauengruppe als sozialintegrativer Kern

  • Sicherheit der Kinder über ihren Platz in der Sippe

  • Soziale Verantwortung (ähnlich wie in der heutigen Familie) aller Erwachsenen füreinander und für alle Kinder, unabhängig vom Stand der aktuellen Liebesbeziehungen


Ein solcher Verband von ca. 15 bis 40 Menschen bildet gleichermaßen die Kerngemeinschaft für die Zugehörigkeit und soziale Absicherung ihrer Individuen als auch den Ursprung jeglicher basisdemokratischen Willensbildung.

Da dieser Verband aber allein für sich kaum lebensfähig ist, braucht er, um seine volle Wirkung zu entfalten, die Einbettung in ein Netz von Verbänden gleicher Qualität. Erst mehrere solcher sozialen Kerne zusammen bilden gemeinsam eine Basisgemeinschaft, ohne sich in diese hinein aufzulösen.

Der Verband mehrerer( ca. 3-12) solcher Kerngemeinschaften(Sippen) zu einer Basisgemeinschaft von ca. 100-500 Menschen, der die wesentlichen Grundbedürfnisse für alle so gemeinschaftlich und selbstbestimmt wie möglich regelt ist dann gleichzeitig die gesellschaftliche Grundeinheit einer auf Nachhaltigkeit und Gemeinwohl orientierten basisdemokratischen Gesellschaft. Wie sich deren Aufbau in weiterer Vernetzung darstellt, wurde an anderer Stelle („Charta“ in den Sommerlandchroniken 2) ausführlicher dargestellt.


2. Ebene: Gemeinschaftseigentum

(Finanzielle und ökonomische Ebene)


Das Land auf dem die Sippe lebt und arbeitet ist unveräußerlich und unteilbar. Im juristischen Sinne gehört diese materielle Grundlage der Basisgemeinschaft, von der die Sippe ein Teil ist. Von dieser hat sie das Land gepachtet und dort ein unbegrenztes Lebens- und Bleiberecht.

Die arbeitsfähigen Menschen, die dies wollen, arbeiten in einem oder ev. mehreren sippeneigenen Betrieben oder bei anderen Gemeinschaftsbetrieben, die den Nachbarsippen oder der Basisgemeinschaft gehören. Wer ein Einkommen von außerhalb der Basisgemeinschaft bezieht, führt 50% davon an diese ab.

Der Gemeinschaftsfond der Basisgemeinschaft wird aus den Einkommen aller Betriebe sämtlicher Sippen und den Abgaben der Außenverdiener gespeist. Aus ihm werden sowohl ein existenzsicherndes bedingungsloses Grundeinkommen sowie das Äquvalent für die früheren „Sozialversicherungsbeiträge“ für alle Mitglieder aller Sippen der Basisgemeinschaft bezahlt. Von ihren Überschüssen gibt die Basisgemeinschaft ihrerseits 50% an die nächstgrößere Vernetzungseinheit (Gemeinde) ab, als Beitrag für all die Aufwendungen, die die Basisgemeinschaft nicht allein leisten kann.


Neben der Absicherung des bedingungslosen Grundeinkommen für alle ihre Mitglieder verfolgt die Finanzpolitik der Basisgemeinschaft zwei weite Hauptanliegen:

  1. Die größtmögliche Reduzierung des Geldeinsatzes innerhalb der Basisgemeinschaft, bis hin zu 0 %.! Hintergrund ist die Umorientierung von einer renditeorientierten zu einer Schenkökonomie. Anstelle des Warencharakters von Beziehungen soll zunehmend wieder der ganzheitliche Charakter und Wert von Beziehungen und Begegnungen erfahrbar werden. Auch die Bedürfnisse nach Sicherheit und Wohlstand sollen wieder an reale Werte und menschliches Verhalten gekoppelt werden.

  2. Der Verbleib von 50 % der erarbeiteten Überschüsse in der Gemeinschaft soll das alte obrigkeitsstaatliche Steuersystem vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht die kleine Gemeinschaft schuldet dem Staat etwas, sondern sie gibt die Hälfte ihrer Überschüsse an die Gemeinde und beauftragt diese damit, bestimmte Aufgaben für alle Basisgemeinschaften der Gemeinde gemeinsam zu übernehmen. Diese verfährt in gleicher Weise gegenüber den größeren Gebietszusammenschlüssen, diese ebenfalls bis hin zur Europäischen Förderation. Somit sind die jeweiligen Gebietsversammlungen gehalten, gleichermaßen autark mit ihren 50 % zu wirtschaften, wie auch 50 % dem Großen Ganzen zukommen zu lassen.

Für Detailregelungen, welche Leistungen eher in Euro, in Regionalwährungen oder in bargeldlosen internen Tauschsystemen geregelt werden, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Für die Übergangszeit, in der nach außen noch die alten Finanz- und Wirtschaftsregeln gelten, heißt das:

Gelände werden unveräußerlicher Besitz der jeweiligen Basisgemeinschaft (ev. in Form von Almendestiftungen),

wirtsschaftliche Aktivitäten werden möglichst weitgehend in genossenschatftlich organisierten Gemeinschaftsbetrieben geleistet, und der interne Umgang miteinander möglichst bargeldfrei gestaltet.


3. Ebene: Tiefenökologie und Rhythmus der Gemeinschaft

(ökologische und spirituelle Ebene)


Um den Platz, auf dem die Sippen einer Basisgemeinschaft leben, der Bodenspekulation und anderen renditeorientierten Mechnismen des Immobilienmarktes dauerhaft zu entziehen., sollte er von einer Stiftung erworben und im Geiste der Allmende an die Sippen verpachtet werden. Das ist aber nur die finanzielle und rechtliche Hülle um den eigentlichen Kerngedanken: Das Land gehört sich selbst.


Diesem Gedanken zu folgen bedeutet unter anderem: die Gemeinschaft „besitzt“ das Land nur nach außen hin, versteht sich intern eher als Hüterin des Landes. Das wird konkret so weit gehen, daß der Platz selbst, an dem man lebt, seine landschaftliche Gestalt, seine Pflanzen, seine Tiere und auch seine nichtmateriellen Wirk- und Prägekräfte genauso in das erweiterte Gemeinschaftsverständnis mit einbezogen werden wie die Frauen, Männer und Kinder der Menschengruppe, die auf ihm lebt.


Besonders deutlich und betont wird das an den Festen des Jahresrades. Diese acht gemeinschaftsspendenden Feste strukturieren das Jahr, sind wie „Chakren der Zeit“.

Sie werden von der Gemeinschaft regelmäßig gefeiert, um sich auf der menschlichen Ebene miteinander aber auch mit den nichtmenschlichen Wesen des Platzes und mit den jeweiligen Qualitäten der verschiedenen Phasen des Jahreszyklus zu verbinden. Diese acht Feste dauern je 2-4 Tage und sind von hoher Verbindlichkeit für das Miteinander. D.h. sie werden frei gehalten von allen anderen privaten oder wirtschaftlichen Aktivitäten. Sie bilden den gemeinsamen Rahmen, dem die Menschen des Platzes ihre persönliche Planung so weit es geht, unterordnen. An ihnen trifft sich die ganze Gemeinschaft.

Im Kern besteht sie aus einer rituellen Feier, im Vorfeld finden teilweise Versammlungen oder Exezitien statt, im Nachraum Festmähler, Tanz u.a. Die Rituale entstammen zwar häufig naturreligiösen Traditionen, sollen aber, um möglichst umfassend gemeinschaftsspendend zu wirken, einen möglichst „konfessionsübergreifenden“ Charakter haben. D.h. sie bestehen aus einfachen, sich alle Jahre wiederholenden gemeinsamen Handlungen, die alle mit vollziehen können, ohne bestimmte geistige Inhalte „glauben“ zu müssen. Das bedeutet im Idealfall, daß die Ritualverantwortlichen eine Sprache und Ästhetik entwickeln, die indianisch- oder Wicca-Inspirierte genauso mit vollziehen können wie Christen, Atheisten, Buddhisten oder alle anderen lebensbejahenden und toleranten Glaubensgemeinschaften.

Vor vier von den Jahresfesten (den Frühlings- und Herbsttagundnachgleichen und den Sonnenwenden) finden erst getrennte dann gemeinsame Versammlungen der Frauen- und Männergruppen der Sippen statt, um menschliche Fragen zu regeln und anstehende gemeinschaftsbezogene, politische oder sonstige Entscheidungen zu treffen. Die zeitliche Nähe der Versammlungen zu den Jahresfesten soll nicht nur die Teilnahme möglichst aller sicherstellen sondern auch die Sphäre menschlicher Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse möglichst dicht in die tiefenökologischen und spirituellen Dimensionen der größeren Lebensprozesse einbinden.

Die Versammlungen vor den anderen vier Jahresfesten könnten, wenn nicht besondere Umstände es anders verlangen, frei von Entscheidungen bleiben und eher gemeinsamen Prozessen gewidmet sein.


4. Ebene: gegliedert und vernetzt

(politische und globale Ebene)


Eine sippenmäßig oder sippenähnlich gegliederte menschlich überschaubare Basisgemeinschaft kann in viel höherem Maße sowohl unsere materiellen Grundbedürfnisse wie auch unsere sozialen, geistigen und kulturellen Grundbedürfnisse befriedigen als eine zahlenmäßig vielleicht gleich große Untergliederung einer anonymen Masse. Somit trägt eine gegliederte Basisgemeinschaft ein viel höheres Potential an materieller wie auch geistiger Autarkie in sich, als wir uns das heute vorstellen können.

Eine wachsende Lebensqualität, befriedigende Beziehungen und selbstbestimmte Arbeit im eigenen Lebensumfeld werden außerdem wichtige Faktoren sein bei der Reduzierung eines heute pervers aufgeblähten Reise- und Transportwesens. Wir werden weniger reisen und Wahren vom anderen Ende der Welt konsumieren aber dafür wieder mit entspannterem Blick auf unsere Umgebung, die Region und die Welt schauen können.

Aber auch die Basisgemeinschaft wird nicht alle Lebensgrundlagen und Bedürfnisse ihrer Mitglieder allein lösen können. Wo sich Basisgemeinschaften selbstbestimmt zu Gemeinden zusammenschließen, ist der Quellort lebendiger Demokratie.

Die notwendige Rückbesinnung auf das, was wir im Rahmen eines überschaubaren Lebenskreises gemeinsam selbst tun können, erleichtert auf der anderen Seite auch eine realistische Einschätzung dessen, was wir überhaupt nur, leichter oder besser in der Vernetzung mit anderen Gemeinschaften leisten können. Vielleicht braucht unsere Gemeinschaft auch mal Hilfe von außen. Vielleicht können und wollen wir auch mal anderen Gemeinschaften in der Not beistehen. Hier entsteht Gesellschaft!

Wenn sich Basisgemeinschaften vornehmlich aus diesen drei Gründen und freiwillig zu Gemeinden vernetzen, ohne ihre soziale Identität aufzugeben, dann und nur dann hat die Vernetzung zu noch größeren Gebilden einen Sinn!

Eine gemeinwohlorientierte Vernetzung von Gemeinschaften ist die Basis für eine herrschaftsfreie Gesellschaft. (Wie das im Detail aussehen könnte, ist in der „Charta“ in den Sommerland Chroniken 2 dargestellt) Und alle Argumente dagegen, ob sie sich nun als Sachzwang, höhere Effizienz oder finanzielle Alternativlosigkeit bezeichnen, verweigern im Kern den Menschen und ihren Gemeinschaften seit Jahrtausenden stets das gleiche: ein selbstbestimmtes Leben in Gemeinschaft, Freiheit und im Einklang mit der Schöpfung. Sie mögen sich tarnen, wie sie wollen, sie dienen einzig und allein der Aufrechterhaltung zentraler Kontrollmacht, d.h. der Herrschaft von Menschen über Menschen.


Unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen werden sich zunächst vielleicht einzelne Sippen, mit etwas mehr Chancen allerdings einzelne Basisgemeinschaften auf den Weg machen. Den wenigsten wird es gleich vergönnt sein, schon zu Beginn sich mit den Nachbarn zu Basisgemeinden im vollen Sinne zusammenzuschließen.

Vielleicht müssen wir auf dem Weg Kompromisse machen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Deshalb ist es umso wichtiger, das Ziel im Auge zu behalten, Verbündete dazu zu suchen und Vernetzungen dazu schon jetzt zu beginnen.

Vielleicht ist unsere Basisgemeinschaft dann eben am Anfang noch nicht mit der Nachbarschaft aber vielleicht mit gleichgesinnten in ganz Deutschland oder gar der Welt vernetzt und im Austausch.

Das Ziel aber, eine freie Gesellschaft aus einem Netzwerk von Gemeinschaften will heute erkannt, gewollt und angesteuert werden.

Wir können Kompromisse machen, die uns nicht automatisch dem System einverleiben.

Wir können „unverdaubar“ bleiben, wenn wir bei der Bildung von Gemeinschaften dieses übergeordnete Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Um tatsächlich systemüberwindende Qualität zu entwickeln brauchen die künftigen Gemeinschaftsprojekte der siebten Generation nicht nur die entsprechende Gliederung nach innen sondern auch die Vernetzung in den geistigen Zielen nach außen.



Eine überfällige Debatte

zur Gesamtstrategie und der isolierten Verfolgung von Einzelaspekten


A - zum Begriff Heimat:


Weil die verschiedenen Ebenen, die in dieser Schrift angesprochen werden, nun einmal zusammengehören, ergeben sie auch nur in der Zusammenschau jenen Sinn, der im poetischen Titel „Heimat“ liegt. Ich möchte sie daher auch bewußt in den Zusammenhang stellen, den Bernd Hercksen am Ende seines Buches als „Heimat – Bewegung“ anspricht.

Und weil die Nationalsozialisten etwas ähnliches taten, wenn auch in der Absicht, die in diesem Zusammenhang (um den geht es, nicht nur um den Begriff!) ruhende Kraft für ihre entgegengesetzten politischen Ziele umzupolen, und damit gleichermaßen genial wie pervers zu mißbrauchen, so erschreckt manchen seriösen und politisch gebildeten in Deutschland heute schon allein der Begriff.

Und weil mir die geistige Redlichkeit gebietet, mich nicht dauerhaft einer Gewohnheit unreflektiert zu beugen, trete ich hiermit entschieden für die Wiederverwendung des Begriffes Heimat ein. Der Begriff ist in meinen Augen das Opfer eines Verbrechens und nicht der Täter! Und dieses Opfer hatte vor der Schändung nicht nur eine eigenes Leben, eine eigene Schönheit und Würde, sondern auch für die Menschen, die ihn gebrauchten, einen Seinszusammenhang, der mit der Stigmatisierung des Begriffes gleich mit stigmatisiert wurde. Mit dem Begriff ging auch der Seinzusammenhang von Politik und ganzheitlichem Leben verloren. Daher nehme ich heute die Herausforderung an, diesen Zusammenhang wieder herzustellen.

Wenn wir die vier Ebenen für die nachhaltige Gemeinschaft der siebten Generation mal mit etwas philosophischen Abstand betrachten, dann können wir darin auch verschiedene Aspekte eines zusammenhängenden Ganzen erkennen, den manche auch schon vor uns wahrnahmen und ihn Heimat nannten. Mein Anliegen ist nun kein geringeres, als die unsichtbare Kraft, die in eben diesem Sinnzusammenhang ruht, der Vergessenheit zu entreißen und für unser heutiges Wollen und Wirken wieder zu erschließen.

Wenn wir es unterließen, all die oft nur halb- oder gänzlich unterbewußten Sehnsüchte, die in diesem Wort schlummern, mit einzubeziehen ins Denken und Planen von großen, ganzheitlichen und künftigen Dingen, könnten wir sehr bald aufwachen und feststellen, daß nicht nur Gurus und Therapeuten, die schlau mit dem Wissen über diese geheimen Zusammenhänge schon heute gute Geschäfte machen, sondern auch politische Verführer wieder in das uralte Geschäft einsteigen.

Gemeinschaftsforschung, aber auch jede Form, sich wenigstens halbwegs als ganzheitlich, (oder auch integral oder spirituell) selbst begreifende Politik kommt nicht umhin, den emotional aufgeladenen Begriff Heimat in ihr Denken zu integrieren, wenn sie nicht gänzlich in dauerhafter Irrelevanz verharren möchte.


B – zum grundsätzlichen Zusammenhang:


Doch nun zum Inhalt dieses Seinszusammenhanges selbst: Wenn wir die vier Komponenten Sippe, Gemeinschaftsökonomie, Tiefenökologie (u.a. das Feiern der Jahresfeste) und die weltumfassende geistige Vernetzung als Basiskomponenten bezeichnen, so meint das: nur beim gleichzeitigen Zusammenkommen aller vier Komponenten entsteht die neue Qualität, die den Sprung zur Gemeinschaft der siebten Generation ausmacht. Ohne dieses Zusammenkommen bleiben unsere Wünsche nach Freiheit und individueller Entfaltung einerseits und die nach Zugehörigkeit, Geborgenheit und Sicherheit andererseits im undurchschaubaren Dauerwiderspruch gefangen. Der Widerspruch ist nicht lösbar unter den Bedingungen der Herrschaft. Er wird erst unter den Bedingungen regional und heimatorientierter Gemeinschaft aufhebbar. Dem tieferen Verständnis dieser These ist der Rest diese Schrift gewidmet.

Das mag der einen oder dem anderen nun etwas zu elitär oder anspruchsvoll erscheinen. Ob es denn nicht auch eine Nummer kleiner ginge. Ob nicht auch, nur entschieden genug vorangetrieben, nur eine oder ev .sogar zwei Ebenen zusammen die neue Qualität hervorbringen würden. So oder so ähnlich fragt oder wünscht man es sich. Das hat aber leider mehr mit unseren subjektiven Vorlieben zu tun als mit historischen Notwendigkeiten. Wahrscheinlich wird umgekehrt ein Schuh draus. Es werden eher noch Komponenten dazu kommen, die uns heutigen noch gar nicht so präsent sind, als daß es mit weniger Ebenen ginge.

Was bedeutet das strategisch? Zum Thema Kompromiss ist ja schon gesagt worden, er sei vertretbar, wenn dabei das Ziel nicht aus den Augen gerät. Und genau das ist der Kern der neuen Qualität! Die Gemeinschaft des neuen Typs wird erst da vollumfänglich erblühen, oder erst gelingen, wo wirklich alle vier Qualitäten sich gegenseitig befruchten. Erst da will ich denn auch von Heimat reden. Und erst da ist ein Zustand erreicht, welcher die Transformation vom exotischen Nischenprojekt zur gesellschaftlichen Basisgröße überhaupt denkbar werden läßt.

Das heißt ja auch gar nicht, daß nicht schon vorher sich Ansätze in diese Richtung zeigen werden. Vielleicht werden heutige Gemeinschaftsprojekte sich auf zwei oder gar drei der angesprochenen Ebenen gleichzeitig entwickeln und damit auf eine neuee Qualität hinweisen. Vielleicht mögen kleine Pioniergruppen nun zwei oder gar drei der Komponenten von Anfang an in Angriff nehmen. All das ist denkbar, möglich und sicher nützlich als Erfahrungsfeld. Allein, die neue Qualität ist damit noch nicht erreicht..

Ich vermute heute mal, je mehr der vier Komponenten ein Gemeinschaftsprojekt auf den gemeinsamen geistigen Schirm bringt, umso widerstandfähiger gegen die Vereinnahmung durch die Megamaschine wird es werden. Und je weniger davon in einem Projekt bewußt angestrebt und gelebt werden, umso größer ist die Gefahr, vom großen und flexiblen Herrschaftssystem geschluckt zu werden oder besser verdaubar zu sein. Zur Begründung dieser Vermutung möchte ich verschiedenen Versuche, singulär nur Teilkomponenten aus dem Projekt umzusetzen mal beispielhaft untersuchen. Um vom leichter zu verstehenden zu den verborgenen Zusammenhängen zu kommen, möchte ich dabei die vier Komponenten in der umgekehrten Reihenfolge, wie sie vorgestellt wurden, diskutieren.


C 1 – die geistige und politische Ebene:


Viele Gemeinschaftsforscher und –Theoretiker sind sich einig: Gemeinschaft braucht zum Leben ein Netz von Gemeinschaften, in das sie eingebettet ist. De fakto aber reicht bei vielen heutigen Gemeinschaften dies zwar oft zu abstrakten Einsichten der notwendigen Vernetzung nicht aber zu einer vitalen kommunikativen Realität. Platter ausgedrückt: der Horizont der meisten Gemeinschaftsmitglieder endet oft noch am Tellerrand der eigenen Gemeinschaft. Ich habe kaum Erfahrungen mit Gemeinschaften, deren Primat auf der politischen Vernetzung liegt. Wohl aber mit einer ganzen Reihe von Gruppierungen aus dem Milieu der KulturKreativen. Und da liegen die Folgen einer singulären Ausrichtung auf die geistige oder politische Ebene auf der Hand.

Man ist sich theoretisch oft einig, daß gesellschaftliche Veränderung und Selbstveränderung zusammengehören. Aber wenn die praktische Erfahrung der wichtigsten Berührungzone von Individuum und Gesellschaft, nämlich der Gemeinschaft, fehlt, bleiben viele Projekte immer wieder in den immer gleichen Widersprüchen gefangen.

Sowohl bei Netzwerken wie Holon als auch bei Parteiprojekten wie der spirituellen Partei „die Violetten“ (sie seien als Beispiele genannt und sind durch ähnliche Projekte austauschbar) geht es hinter vielen Auseinandersetzungen häufig um die zentrale Glaubensfrage, was nun zuerst erfolgen müsse: das neue Bewußtsein des Individuums oder die neue gesellschaftliche Struktur. Das ist dann wie mit der Henne und dem Ei. Tatsächlich brauchen wir neue Strukturen, Gefäße in denen sich eine kollektive Bewußtseinsentwicklung und –Transformation ereignen kann. Und gleichzeitig brauchen wir bewußte Individuen, die die Notwendigkeit der Schaffung solcher Gefäße und die praktischen sozialen Kompetenzen dazu entwickeln.

Eine Entweder-oder-Entscheidung oder der Versuch, beides klar nacheinander zu erledigen wird weder ein bewußteres Individuum noch gesellschaftliche Gefäße der Befreiung hervorbringen. Dabei ist es weniger von Bedeutung ob wir dem konservativeren Modell einer Partei oder lieber dem trendigeren Modell eines Netzwerk anhängen. Entscheidender ist, ob es gelingt „Wärmeräume“ zu schaffen. Das sind soziale Freiräume, die es dem Individuum überhaupt erst ermöglichen, sich so weit zu öffnen, um die rauhen gesellschaftlichen und globalen Realitäten des uns bereits umgebenden Wandels geistig in vollem Umfang überhaupt wahrnehmen zu lassen.

Ohne diese „Wärmeräume“, wie ihn z.B. eine funktionierende Gemeinschaft bietet, wird weder Bewußtsein noch politische Bewegung weiter vorankommen.

Die rein geistige oder von mir aus auch politische Verfolgung von Gemeinschaft und Gemeinwohl in der Gesellschaft ohne die praktischen Gemeinschaftslabore gleicht einem Marinefanclub, der zwar Seekarten, Kompasse, Steuerruder oder Segel herstellen kann, dem aber die sinnstiftende Zusammenfügung all dessen versagt bleibt, der einfach kein Schiff hat.


C 2 – die tiefenökologische Ebene:


Ebenso einig sind sich viele Gemeinschaftskenner über die wichtige Rolle, die gemeinschaftsspendende Feste und Rituale für die Menschen eines Platzes und deren Kontakt untereinander und mit der nichtmenschlichen Mitwelt spielen. Einige behaupten sogar mit einigem Recht, daß die moderne integrale Tiefenökologie so etwas die adäquate und zeitgemäße Form der Religion werden könne.

Wenn der Focus einer Gruppe sich allerdings auf diese Komponente allein beschränkt, erleben wir oft folgendes: Die zeitweise und soziotherapeutisch gesehen wichtige Regression bei der Wiederverbindung mit der Erde wird zur Bewußtseinsdominante. Die Wiederverbindung mit dem Kosmos, dem Geist und dem globalen Ganzen fällt zunehmend unter den Tisch. Manchmal erwächst daraus gar eine gewisse Feindseligkeit gegenüber dem „nur“ sozialen, dem rationalen und politisch strukturellen Denken. Und manchmal bleibt sogar der Sinnzusammenhang zur Gemeinschaft auf der Strecke. Man wird zu einer Art „Kultgemeinde“ , die kompensatorisch und nur an ihren Zusammenkünften Gemeinschaft „zelebriert“, um dann individuell gestärkt wieder in die verschiedenen Alltagsrollen im Mainstream abzutauchen.

Das geschieht genauso bei Menschen mit esoterischem Anspruch, wie auch solchen, die sich mit ein bißchen „Tiefenökologie light“ den bürgerlichen Alltag versüßen. Doch weder die verhuschten Eso-freaks noch die bürgerlichen, zumeist Damen, auf der Suche nach neuer religiös-zeremonieller Identität kommen dabei auch nur ansatzweise mit dem vitalen Kern in Berührung, der sich einer funktionierenden Gemeinschaft im Rituellen Bereich erschließt.

Die meisten rituellen Ansätze der Tiefenökologie zielen auf die Stärkung und Befähigung einer verantwortungsvollen und mitschöpferischen Haltung der Welt gegenüber. Zur vollen Entfaltung dieser Dimension braucht es einen stärkeren Grund des Zusammenseins für eine Gruppe als nur das Interesse am Ritual.


C 3 – die ökonomische Ebene:


Von Insidern hörte ich oft: „mit der Gemeinschaftsökonomie fängt es seriöserweise an“, ohne diese Ebene wird dann eher von der unverbindlichen Hobby-Gemeinschaft gesprochen. Und Fachleute bestätigen: „ Wo diese Ebene nicht von Anfang an mit eingezogen wird, ist es sehr schwer bis unmöglich, sie im Nachhinein zu etablieren“ Ohne Zweifel ist sie von zentraler Bedeutung. In der Lebensreformbewegung von einer Radikalität, wie sie heute nur noch in wenigen Projekten wie der Kommune Kaufungen gelebt wird. Es muß nicht gleich die kommunistische Gemeinschaftskasse sein. Auch das Gemeinschaftseigentum an Grund und Boden, an einer Firma, die Genossenschaft oder andere Formen der Gemeinschaftsökonomie sind ja wichtige materielle Grundlagen, die Gemeinschaft überhaupt erst widerstandsfähig gegen die aufsaugenden Tendenzen der sie umgebenden Renditewirtschaft zu machen.

Aber auch hier birgt die einseitige Ausrichtung Fallen. So wie der ökonomisch praktische Focus ja nah beim politisch grundsätzlichen liegt so besteht auch bei der einseitigen Beachtung dieser Ebene die Gefahr, die auch den politischen Einpunkt-Konzepten droht, eine gewisse Betriebsblindheit.

Wird die wirtschaftliche Autarkie zu dogmatisch betont, so führte sie in eher früheren Projekten zu Dauerarmut, Arbeitslageratmosphäre und anderen Erscheinungen, die sie für immer mehr Menschen unatraktiv machten. Ja, Menschen können und wollen manchmal auch hart und entbehrungsreich zusammenarbeiten, wenn sie wissen warum und dies aus freiem Entschluß tun. Aber die Arbeit ist nicht das Hauptamalgam, daß sie in allen Lebenslagen zusammenhält. Die gemeinsame Firma, das kann für viele ein Moment der dauerhaften Begeisterung sein, aber nicht für jeden und schon gar nicht immer. Der Mensch ist anders. Ob wir renditeorientiert, ausgleichsorientiert oder schenkorientiert arbeiten, hängt von mehr und individuelleren Faktoren ab als die beste Betriebsstruktur oder das beste Konzept gemeinsam für alle regeln können. Wem vertrauen wir wirklich, für wen außer uns selbst arbeiten wir wirklich gerne mit, für die eigene Frau, die eigenen Kinder? Für die Kinder meiner Freunde und Kollegen? Wie weit reicht der Kreis, für den ich ökonomisch Verantwortung übernehmen will?

All die Fragen sind dann auch manchmal gar nicht von der Vernunft allein zu beantworten. 6000 Jahre Gewohnheiten und fast reflexhafte Reaktionen haben uns tief in der Wolle gefärbt. Wir merken schon: die Ebene ist fast untrennbar verbunden mit der letzen noch unbesprochenen. Auf ihr entscheidet sich, mit wem wir uns wie verbunden fühlen.


C 4 – die Sippe:


Viele Gemeinschaftsforscher sind sich auch darin einig: Eine starke Gemeinschaft braucht einen sozialen Kern, eine Gruppe von Menschen mit integrierenden Qualitäten von der Verbindlichkeit wie wir sie früher eigentlich nur der Familie zuschrieben. Ein menschlicher Zusammenhalt über alle ökonomischen, kulturellen, spirituellen oder politischen hinaus, eine verwandschaftliche Zugehörigkeit irgendwo zwischen fragloser Selbstverständlichkeit, bewußtem Wollen und ...Liebe füreinander. Ich verdanke der Matriarchatsforschung hier das klarste Bild, wie ein solcher Kern aussehen könnte. Und egal ob ich hier an die vollumfängliche Rekonstruktion der mutterrechtlichen Sippe (Modell A) oder „nur“ die Umsetzung ihrer Essentials (Modell B) denke, in beiden Fällen handelt es sich um den psychosozialen Kern des evolutionären Sprunges, der nun sowohl für unser Bewußtsein, wie für die Gemeinschaft, als auch die Gesellschaft im Großen ansteht. Seine Schaffung braucht nicht nur eine gute emotionale Basis unter den Beteiligten, sondern bedeutet auch eine bewußte und gewollte geistige und kommunikative Disziplin und Arbeit miteinander. Sowas tut man nur mit einer sehr starken Motivation. Berthold Brecht läßt diese den Buddha im Gleichnis vom brennenden Haus ungefähr so formulieren : „Wahrlich, denen, denen der Boden unter ihren Füßen nicht so heiß ist, daß sie ihn mit jedem anderen tauschen wollen, denen habe ich nichts zu sagen.“ Und genau in der existenziellen Tiefe, aus der hier urmenschliches nach Erlösung schreit, entsteht auch die Gefahr, die bei der einseitigen Ausrichtung auf diese, wenn auch wichtigste, Ebene liegt. Wenn hier Erkenntnis zum Dogma erstarrt, dann liegen die Heilung alter Wunden und das Aufreißen neuer so dicht beieinander, daß die meisten eher einen ganz großen Bogen darum machen als sich den Themen dieses menschlichen Kernbereiches zu stellen. Gemeinschaftsprojekte, die fast nur diese innerste soziale Zone im Blick haben, laufen zum eine Gefahr, einfach kaum noch Zeit und Kraft für anderes zu haben, und zum anderen, eigene Erfahrungen und Erkenntnisse, und seien sie noch so fragmentarisch oder temporär, zu schnell auch anderen anbieten zu wollen.

Es soll und kann hier gar nicht geprüft werden, wieweit bestimmte Projekte bei solchen sozialen Experimenten „objektiv“ zum Dogmatismus tendieren, entscheidender ist, daß all ihr Tun von denen, die diese Erfahrungen nicht haben oder gar nicht wollen, erstmal fast grundsätzlich als dogmatisch empfunden werden.

Vor ca. 35 Jahren habe ich nach der Lektüre von Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ mit anderen die Auffassung vertreten, die Abschaffung der Kleinfamilie sei eine der wichtigsten Voraussetzungen zur Überwindung des kapitalistischen Systems. Heute tendiere ich dazu, fast jede noch halbwegs funktionierende Familie eher zu schützen vor dem rasenden Trend der Megamaschine uns alle zu leichter beherrschbaren Einzelpersonen zu machen. Ich bin damit nicht der alten Erkenntnis entfremdet, würde es aber heut eher positiv formulieren. Es geht heute um den Aufbau größerer und stabilerer Verwandschaftszusammenhänge.

Eine sich aus mehreren Sippen zusammensetzende Basisgemeinschaft ist im anthropologischen Sinne der Kern einer neuen, und diesmal definitiv nicht patriarchalen Gesellschaft. Um seine Bedeutung für die Entwicklung einer herrschaftsfreien Gesellschaft voll zu entfalten und nicht als sozialromantische Randerscheinung vereinnahmt zu werden, muß er jedoch von den anderen genannten Basiskomponenten begleitet sein.

Daß die Sippe als sozialer Kern eines gesellschaftlichen Gegenentwurfes von den Verfechtern des Prinzips Herrschaft abgelehnt wird, ist natürlich klar. Aber auch viele, die eigentlich schon mehr oder weniger bewußt in die Richtung einer gemeinschafts- und gemeinwohlorientierten Demokratie streben, halten sich in diesem menschlichen Kernbereich auffallend bedeckt. Ich vermute die Ursachen davon in seiner Ähnlichkeit mit zwei anderen und für undurchführbar gehaltenen Phänomenen, die sich durch eigene Einseitigkeiten selbst auch eher als Sackgassen dargestellt haben. Diese sollen, um die Verwechslung zu vermeiden hier noch gesondert angesprochen werden.


D – Matriarchatsforschung und Feminismus:


Menschen, die sich noch nicht näher mit der Matriarchatsforschung befaßt haben, neigen in der Regel zu zwei folgenschweren Irrtümern: das Patriarchat bedeute „Herrschaft der Männer über die Frauen“ und Matriarchat bedeute dann eben in der Umkehrung „Herrschaft der Frauen über die Männer“. Die in der Postmoderne übliche

Verweigerung, den Dingen tiefer auf den Grund zu gehen führt dann zu der entpolitisierenden Wischi-waschi-„Meinung“, man wolle heute ja beide Formen der Diktatur nicht und lieber irgendwas dazwischen.

Zu Irrtum 1: Patriarchat meint in seiner ursprünglichen Bedeutung: die Herrschaft des Vaters über alle, also des einen über alle anderen (Frauen, Männer, Kinder, Sklaven, Vieh, etc.) Und wenn wir die Entwicklung des Patriarchates von einer Stammesgesellschaft bis hin zur globalen Herrschaft des Finanzkapitals unserer Tage mitverfolgen, verstehen wir, daß es weniger um die Person des Vaters als um das Prinzip der Herrschaft von Menschen über Menschen überhaupt geht.

Zu Irrtum 2: Matriarchat bedeutet dann in der Folge davon auch nicht: alle werden statt dessen von einer herrschsüchtigen älteren Dame tyrannisiert. Es bedeutet viel mehr: ein Leben in Gemeinschaft mit einer Frauengruppe im Zentrum und flachen Hierarchien, keinesfalls aber der Unterdrückung der Männer. Diese mutterrechtliche Gemeinschafts- kultur vor dem Wandel zum Patriarchat hat zehntausende von Jahren ohne Staat, ohne Krieg und ohne Sklaverei funktioniert. Sie ist das historisch tiefste Gegenbild zum Prinzip Herrschaft. Und ohne sie im anthropologischen Kern zu verstehen, haben wir so gut wie keine Chance, eine herrschaftsfreie Gesellschaft aufzubauen.

Wie kommt es zu zwei Vorurteilen mit so verheerender Folge?

Zunächst mal scheint es in der Natur der Sache zu liegen, daß die beginnende Matriarchatsforschung sofort auf den erbitterten Widerstand der patriarchalen Meinungs- macher aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft stieß. Da dieser Abwehrreflex auch vor Mobbing, Verleumdungen und anderen Schlägen unterhalb der Gürtellinie nicht zurückschreckte, ist es nicht verwunderlich, wenn die wenigen (und nach dem zweiten Weltkrieg zum größeren Teil) Frauen, die die Matriarchatsforschung pionierhaft vorantrugen, Anschluß und Unterstützung durch die feministische Bewegung suchten und fanden. Leider wurden sie aber auch zum Teil von dieser vereinnahmt.

Hier ist nicht der Raum, die ganze Geschichte differenziert darzustellen. In unserem Zusammenhang scheint mir aber wichtig zu sein, daß die manchmal zu unreflektierte Nähe zu einer zumTeil bis zur (verständlich als Reaktion auf den patriarchalen Sexismus) sexistischen Ablehnung von Männern neigenden Fraktion der Feministischen Bewegung erheblich dazu beitrug, daß die Erkenntnisse der Matriarchatsforschung ignoriert wurden. Dazu kommt sicher noch die Diskussion um die Begriffe, die ich aber hier nicht aufnehmen will.

Vielmehr möchte ich, ähnlich wie Bernd Hercksen in seinem hier schon zitierten Buch dazu beitragen, die Schätze der Matriarchatsforschung aus der feministischen Nische heraus zu holen. Eine Gemeinschaft aus Sippen ist keine feministische Erfindung zur Unterdrückung von Männern sondern unser kostbarstes Unterpfand der Freiheit. Sie ist unser gemeinsames Menschheitserbe.


E – Freie Liebe:


Unabhängig von der Matriarchatsforschung und folglich unverbunden mit ihr entstand in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ein Kulturimpuls, der die Gemeinschaftsbewegung so kontrovers beschäftigte wie kaum ein anderer: die „Freie Liebe“. Hier eher männliche Vordenker fassten zusammen und brachten auf den Punkt, was viele für ihre eigenen und die Bedürfnisse ihrer Partner sensible Frauen und Männer schon lange wußten. Die lebenslange Monogamie in der Zweierehe paßt eben nicht immer und für jeden Menschen, der sich und andere wach als Frauen und Männer wahrnimmt. Die scheinbar wichtigste Funktion dieser Institution ist wohl weniger, Gefäß für die authentischen Gefühle und Bedürfnisse der Partner zu sein, als die, die gesellschaftliche Basisgröße für das Aufwachsen der Kinder zu sein.

So war es nur konsequent, daß die ersten Laboratorien für die freie Liebe nicht im freien Raum sondern innerhalb darauf spezialisierter Gemeinschaftsprojekte entstanden. Die Kommune sollte nicht nur der Bezugsrahmen für die Kinder sondern auch das tragende Gefäß für die Erwachsenen sein, die sich hier in mutigen Selbstversuchen in Sex- und Liebesdingen anders verhielten als im gesellschaftlichen Mainstream. Wichtigstes Element der Freien Liebe in den sozialexperimentellen Kommunen war nicht, daß man Sex mit verschiedenen Partnern hatte (das fand in der Gesellschaft, die diese Versuche so heftig attackierte genauso statt), sondern daß man es nicht heimlich tat. Transparenz in einer verbindlichen und alle Beteiligten tragenden Gemeinschaft, das war das eigentlich revolutionäre der Freien Liebe.

Natürlich gab es bei diesem heißen Thema auch jede Menge Fehler und Fehlentwicklungen, aber insgesammt waren diese Laboratorien der freien Liebe in den Kommunen (zumindestens da, wo sie unter Erwachsenen und freiwillig stattfanden) so etwas wie mutige Feldversuche im Rahmen ehrgeiziger Zukunftswerkstätten. Sie detailliert und vorurteilsfrei aufzuarbeiten steht wohl historisch noch aus, ist aber nicht der Zweck dieser Schrift.

Verletzungen im seelischen Kernbereich haben für die Beteiligten oft tiefere Narben hinterlassen als Fehler auf anderen Ebenen. So haben die Gemeinschaften der freien Liebe neben begeisterter Zustimmung auch heftigste Ablehnung provoziert. Und kaum ein anderer Aspekt der Gemeinschaftsbewegung ist von einer so gewaltigen Propagandawelle der Mainstraemmeinungsmacher überzogen worden. Die Koalition der Gegner reichte teilweise vom erzkatholischen über das feministische bis hin ins linksradikale Lager.

Historisch müssen wir die Feldversuche der freien Liebe in die Gemeinschaftsbwegung der fünften Generation einordnen, auch wenn es heute noch einige sehr lebendige Projekte aus diesem Spektrum gibt. Die sechste Generation der Gemeinschaften hat von der Radikalität fast all ihrer Vorgänger ja meistens weit Abstand genommen, so auch bei diesem Thema. Dennoch hat sie sich genauso wenn auch nur gelegentlich noch mit dem Thema rumzuschlagen, wie die umgebende Gesellschaft auch.

Jetzt ist die Rede von der „Freien Liebe – light“, also im freien Feld und ohne die schützende und tragende Membran einer wohlwollenden Gemeinschaft.

Es gibt jede Menge Menschen, die gern den einen oder anderen Vorteil aus der Freien Liebe ziehen oder ihr Verhalten damit begründen wollen, ohne sich der dauerhaften und intensiven Arbeit der Erstellung des dazu notwendigen geistigen Schirms und des tragenden sozialen Gefäßes stellen zu wollen.

Trittbrettfahrer, Dünnbrettbohrer, so könnte man sie achselzuckend abtun. Leider ist es nicht so einfach. Die Bedürfnisse und vitalen Wahrheiten, die hinter so manchem „Seitensprung“ , „Partnerwechsel“ oder promiskuitiven Verhalten stehen, sind ja oft echt, tief und authentisch, nur eben nicht mit den offiziellen Regeln unserer sozialen Systeme kongruent. Daran ändert sich nicht, wenn man das Thema auch offiziell von der Tagesordnung nimmt.

Neben der Diskriminierung der Kernideen der Freien Liebe sehe ich aber noch eine viel größere Gefahr durch ein allzu forsches Herumwedeln mit der Freien Liebe im Freien Feld ohne soziales Gefäß:

Der gnadenlose Konkurrenzkampf, der nur Sieger oder Verlierer kennt, das Gesetz des Ellenbogens, die Raubtiermentalität des globalen Beutekapitalismus, der Warencharakter in allen Beziehungen und die genauso ehernen wie unerkannten Grundgesetze des Patriarchates habenuns schließlich seelisch und geistig bis in die Wolle gefärbt. Allein die zunehmende Bedeutung von Sex gegen Geld spricht für sich.

Ein wichtiges Herrschaftsmittel ist die künstliche Verknappung von lebensnotwendigen.

So hätten wir von Natur aus eigentlich mit einem selbstbestimmten Umgang mit unserer Sexualität den Zugang zu einer der nachhaltigsten Energie-, und Glücksquellen des Planeten. Hätten wir ihn wirklich, wären wir nicht beherrschbar! Doch das Patriarchat hat uns den freien Zugang zu dieser Quelle bereits seit Jahrtausenden verwehrt. Seit es das Privateigentum gibt und den Besitz von Menschen durch Menschen (in welcher Form auch immer) wird unsere Sexualiät durch sehr enge soziale Regelwerke begrenzt. Und nun sollen wir angeblich seit einigen Jahrezehnten bereits eine sexuelle Revolution hinter uns haben.

Sicher, die Themen sind raus aus der Tabuzone aber dafür immer deutlicher in den Bereich Waren und Dienstleistungen abgerutscht. Hierin sehe ich die Hauptgefahr für die Freie Liebe im freien Feld. Wie authentisch können wir noch von Liebe und Freundschaft in unseren sexuellen Begegnungen reden, wenn immer mehr davon unbemerkt über das Geld geregelt wird? Es braucht ein ganz schön titanenhaftes geistig seelisches Rückrat, um der totalen Vermarktung aller Lebensbereiche ausgerechnet hier als Individuum allein widerstehen zu können.

Einzelne mögen da durchaus heldenhaft oder genial was richtig hinkriegen. Ich sehe aber im Durchschnitt bei der freien Liebe im freien Feld die Zahl der Unfälle, Verletzungen und „Beziehungstoten“ ungleich höher als im Rahmen einer dazu kompetenten Gemeinschaft.

Freie Liebe ist nicht automatisch mit der matriarchalen Gruppenehe oder mit der in diesem Kontext vorgeschlagenen Sippe identisch. Ich halte aber das soziale Gefäß „Sippe“ für wesentlich geeigneter, auch mit der Verschiedenheit unserer Bedürfnisse in Liebesdingen konstruktiver umgehen zu können als die herkömmliche Ehe und Kleinfamilie.


F – Schlußbemerkungen:


Die Gemeinschaft der Zukunft ist eine evolutionäre Herausforderung an uns. Dabei ist völlig egal, wie wir sie individuell bewerten. Entweder unsere Spiezie schafft es jetzt, die 6000 Jahre Patriarchat zu beenden, oder das in letzter Agonie sich selbst zerfetzende System der Herrschaft reißt alles mit sich in den Abgrund.

Irgendwie will sich bei diesem Gedanken nicht die richtige Entspannung einstellen oder?

Keine Sorge, niemand muß ja so denken wie ich. Aber wer nicht hinter seine eigenen tiefsten Einsichten zurückfallen will, kommt mitunter nicht umhin, gelegentlich eine Entscheidung zu fällen. Ich hätte da einen Vorschlag:

Wir lassen uns von niemandem hetzen. Wir bauen in aller Ruhe und nach bestem Wissen und Können unser Boot. Wir lassen uns nicht mehr pausenlos (sondern nur noch gelegentlich) einbinden in die zahllosen Rettungsprojekte zu Reparatur des alten Systems. Wir studieren Schiffsbau, lernen schreinern, bauen einen Rumpf, statten das ganz so optimal aus, wie wir eben können, und wir errichten die Masten. Wir halten auch die Segel bereit und üben uns schon mal darin, sie zu setzen und wieder einzuholen. Aber eines tun wir nicht. Wir versuchen nicht, den Wind zu ersetzen. Wir ziehen das Segel mal zur Übung hoch, aber fangen dann nicht an, zu pusten.

Seid sicher, der Wind wird kommen. Wir wissen nur nicht genau, wann. Wir können keine Bewegung schaffen oder ersetzen, die es so noch nicht gibt. Aber wir können vorbereitet sein, wenn es soweit ist. Wir können all unsere Freunde und Lieben einladen, mitzukommen. Aber wir sollten niemanden gegen seinen Willen dazu überreden.

Wir können an den Gefäßen der Freiheit bauen, aber ob sie gefüllt werden, liegt nicht in unserer Macht. Bei aller Tiefe der Erkenntnis tut ja manchmal auch etwas Demut gut. Wissen ist wichtig und wollen auch. Wissen, woher der Wind weht, wissen wo ich überhaupt bin und wissen wohin ich will, ohne das alles haben wir keine Orientierung.

Doch Ankommen ist und bleibt eine Gnade.




Gandalf Lipinski, im Mai 2011 in Heckenbeck



KONVERGENZ

 

GESELLSCHAFT FÜR GANZHEITLICHE WAHRNEHMUNG, BEWUSSTSEINSENTWICKLUNG UND TIEFENÖKOLOGIE e.V.

 

 

SOMMERLAND - CHRONIKEN

 

TEIL 4

 

 

tiefenökologische und matriarchale Modellsiedlung

 

Sommerland

- die Praxis -

 

Organigramm und Konzept Stand : Herbst 2013

 

Widmung und Organigramm: Seite 2
Ziele und Gesamtzusammenhang: Seite 3

Komponenten zur Realisierung: Seite 4

Komponente 1, die Konvergenz-Gesellschaft: Seite 5

Komponente 2, Die Stiftung: Seite 6

Komponente 3, der Beirat: Seite 7

Komponente 4, Sippe und Basisgemeinschaft: Seite 7

Komponente 5, Genossenschaft: Seite 11

Anhang A, Gemeinschaftsbetriebe 2-7: Seite 12

Anhang B: kleiner anfangen? Der erste Gemeinschaftsbetrieb: Seite15

 

(2. überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Heckenbeck, im März 2014)

3,-Euro

 

 

Konvergenz – Gesellschaft für ganzheitliche Wahrnehmung, Bewußtseinsentwicklung und Tiefenökologie e.V.

Sommerweg 4, 37216 Dohrenbach, 05542 505105

 

Diese Schrift ist den Frauen und Männern gewidmet, die mir in den vergangenen dreißig Jahren die wichtigsten Quellen waren, mir zu erkennen halfen, in welcher Zivilisation wir gegenwärtig leben, in welche Richtung sich eine wünschenswertere Zivilisation entwickeln könnte und welchen Beitrag ein Gemeinschaftsprojekt wie Sommerland dazu leisten könnte:

 

Ernest Bornemann

Starhawk

Dolores LaChapelle

Heide Göttner Abendroth

Bernd Hercksen

Claudia von Werlhof

 

Heckenbeck, August 2013 Gandalf Lipinski

 

 

Ziele und Gesamtzusammenhang:

 

Im Kern ist Sommerland eine tiefenöklologische Modellsiedlung und ein matriarchal orientiertes Sozialprojekt. Es tritt von der Planungs- in die Realisierungsphase, wenn eine Gruppe von 4 bis 12 Frauen sich zum Kern eines neuen matriarchalen Verwandschaftsgefüges zusammenfinden. Zusammen mit ihren Männern und Kindern ( mind. 8 bis höchstens ca. 30 Erwachsene) bilden sie die erste Sippe der Sommerland-Basisgemeinschaft. Weitere Sippen, aber auch Einzelpersonen, Familien ua. Gruppen können sich der Sippe zuordnen und gemeinsam die SL Basisgemeinschaft bilden.

Der innere Aufbau von Sippe und Basisgemeinschaft ist in der Sommerland Broschüre 3 ausführlich dargestellt. Diese ist solange die verbindliche gemeinsame Grundlage, bis sie von einem neuen konsensuell verabschiedeten Konzept der Sippe ersetzt wird.

Alle vorbereitenden Komponenten, Gruppen, Vereine und Firmen sind der Bildung der Sippe zugeordnet und beziehen ihren Sinn und ihre Legetimität aus der Vorbereitung, Einführung und Absicherung der Sippe und der Basisgemeinschaft.

 

Das heißt für mich (Gandalf Lipinski) persönlich: vor dem eben benannten Gründungsakt durch die entsprechende Frauengruppe sehe ich meine Aufgabe in der geistigen Vorbereitung von Sommerland, ggf. der Planung einzelner Komponenten, nicht aber mehr wie in der Vergangenheit, im konkreten Aufbau dieser ersten Sippe.

 

Die Konvergenz-Gesellschaft existiert bereits als Bildungsverein und breitet Sommerland seit Jahren durch Seminare und Vorträge vor. Sie wäre ggf. leicht zum Trägerverein hin erweiterbar.

Die Stiftung zum Landerwerb ist über das Projekt Sommerland hinaus auch im Hinblick auf andere Gemeinschaftsprojekte und dem Freikauf von Immobilien zu Almendezwecken überhaupt sinnvoll und könnte bereits vor Sommerland realisiert werden.

Die Sommerland-Betriebsgenossenschaft und detailiertere Geschäftspläne für ihre Gemeinschaftsbetriebe setzen allerdings den konkreten Ort für Sommerland und die Existenz der ersten Sippe als Kerngruppe voraus. Hier sind vorausschauende Planungen geboten, aber noch kein Gründungsakt. Allenfalls konkrete Teilbetriebe wie zum Beispiel das Seminargasthaus könnten schon vor Sommerland entstehen und später in die Genossenschaft eingebracht werden.

Menschen, die die Vorbereitung von Sommerland verbindlich und konsequent vorantreiben wollen, finden sich innerhalb der Konvergenz-Gesellschaft zum Initiativkreis Sommerland zusammen.

 

Die Komponenten zur Realisierung von Sommerland:

 

Viele Gemeinschaftsinitiativen scheitern bereits beim Geländeerwerb oder an der daraus resultierenden Finanznot. Wenn alle Resourcen und womöglich noch Kredite allein von Erwerb von Grund und Boden verschlungen werden, mangelt es oft von Anfang an am Allernotwendigsten. Daher schlagen wir die Schaffung einer Stiftung vor, in der wohlhabende Menschen Geld in einen guten Zweck investieren können. Diese Stiftung erwirbt geeignete Gelände (neben dem für das Projekt Sommerland also perspektivisch durchaus auch andere), um sie zu günstigen Bedingungen an Gemeinschaftsprojekte ua. Almende-Projekte zu verpachten. Das Kapital der Stiftung wird also zum Hauptteil aus Land bestehen. Die Pachtsummen sollen den notwendigen Betrieb der Stiftung finanzieren, müssen darüber hinaus aber keine Renditeerwartungen erfüllen. Wenn eine Gemeinschaft scheitert, kann die Stiftung das entsprechende Land satzungsmäßig an ein anderes Gemeinschaftsprojekt vergeben.

 

Die Betreiber-Genossenschaft ist die Betriebsform, in welcher die Menschen der Gemeinschaft ihre materiellen Grundlagen gemeinschaftlich und selbstbestimmt organisieren. Das Wohnen, die Versorgung mit Wasser und Energie, das Recycling und der Betrieb verschiedener Gemeinschaftsfirmen ua. gemeinsamer Projekte wird im Rahmen der Genossenschaft auf der Basis einer solidarischen Gemeinschaftsökonomie gemeinsam und unter einem Dach geregelt.

 

Die Konvergenz-Gesellschaft als Bildungs-, später auch als Freundes- und Trägerverein ist die idelle Unterstützerorganisation für Sommerland, in der sich Freundeskreise, Seminarteilnehmer, Unterstützer und andere Freunde von Sommerland sammeln und organsieren können, ohne zwangsläufig Mitglied der Genossenschaft zu sein oder in Sommerland wohnen oder arbeiten zu müssen.

 

Ein Beirat aus wenigen aber nahmhaften UnterstützerInnen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur wird gemeinsam vom Verein und der Stiftung berufen, um Sommerland und befreundete ähnliche Projekte im Kontakt zum gesellschaftlichen Mainstream zu unterstützen.

 

Der menschliche Kern des Projektes Sommerland ist jedoch die erste Sippe, die später im Verein mit weiteren Sippen, Einzelpersonen oder Gruppen die Basis des ganzen, die Basisgemeinschaft Sommerland bildet. Diese acht bis ca 30 Menschen, die sich aufeinander im Sinne einer matriarchalen Sippenverwandschaft, auf die acht Jahresfeste und gemeinschaftliche Betriebe einlassen, sind die Kernmitglieder der Betreibergenossenschaft. Durch sie erst wird Sommerland seine anthropologischen und tiefenökologischen Qualitäten entfalten und ohne sie wird Sommerland nicht sein.

 

Die Konvergenz-Gesellschaft als gemeinnütziger Verein exisiert bereits seit über 20 Jahren und steht zur Verfügung. Die Stiftung kann unabhängig von der Gemeinschaft Sommerland bereits jetzt ins Leben gerufen werden, wenn Menschen mit den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten, die Sinnhaftigkei dieses Projektes erkennen und fördern wollen. Alles weitere wird nicht allein von der geistigen Ebene her ermöglicht, sondern dann erst ins Leben treten, wenn die Einsicht, der Wille und die Fähigkeit bei genügend Menschen erwacht, den oben genannten Schritt in eine andere Verbindlichkeit und Konsequenz zu tun.

 

Beschreibung der Komponenten im Einzelnen:

 

Komponente 1: Die Konvergenz-Gesellschaft

 

Die Konvergenz – Gesellschaft für ganzheitliche Wahrnehmung, Bewußtseinsentwicklung und Tiefenökologie e. V. existiert bereits seit über 20 Jahren und wurde u.a. zur geistigen Vorbereitung des Projektes Sommerland gegründet. Sie war bisher als Bildungsverein tätig, ist vom Finanzamt Hildesheim als gemeinnützig anerkannt und hat die Gründung eines tiefenökologischen Gemeinschaftsprojektes von Anfang an mit intendiert.

Als Träger einer historisch-politischen, anthropologischen und tiefenökologischen Erwachsenenbildung hat sie unser kollektives „Gewordensein“ als patriarchale Gesellschaft mit allen daraus folgenden Konsequenzen stets in den Mittelpunkt gestellt. Ernest Bornemann, Starhawk, Dolores LaChapelle, Heide Göttner-Abendroth, Bernd Hercksen und Claudia von Werlhof waren und sind die zentralen Stichwortgeber dieses thematischen Hintergrundes. Oberstes Ziel der Konvergenz-Gesellschaft war und ist es, einen ganzheitlichen theoretisch-praktischen Lebens- und Arbeitszusammenhang zu begründen, in dem die destruktiven Folgen patriarchaler Lebensordnung aufgehoben sind : Zerstörung gewachsener Gemeinschaften und Lebenszusammenhänge aller Art, Vereinzelung, Stress, Überforderung, Beschleunigung und die Ökonomisierung fast aller zwischenmenschlichen Begegnungen.

Als ganzheitlichem Bildungsverein waren neben der Wissensvermittlung immer auch die Schaffung von Wahrnehmungs- und Erfahrungsräumen ein wichtiges Element. Natur- und Gemeinschaftserfahrung, zusammen mit historischem Wissen um die untergegangene matriarchale Zivilisation und die Entwicklungstendenzen der derzeitigen patriarchalen Zivilisation, das sind die Spezifika der Konvergenz- Bildungsarbeit. Und aus Ihnen ist dann auch das Projekt Sommerland (bisher dargestellt in den Broschüren 1-3) hervorgegangen.

Bei der Realisierung von Sommerland könnte der Verein recht leicht folgende Funktionen übernehmen:

  1. Als erste „juristische Person“ im Vorfeld bei Aufbau und Gründung der weiteren Komponenten hilfreich sein (z.B. Konto-Eröffnungen, Kontakte zu Stiftungs-, und Genossenschafts- Verbänden herstellen,etc.)

  2. Zum Freundes- und Trägerverein werden: alle Menschen, die die Idee oder Teilaspekte von Sommerland unterstützen wollen, ohne voll einzusteigen, dort zu wohnen oder zu arbeiten, regelmäßig als Besucher oder auch finanzielle Unterstützer fungieren wollen, zu sammeln und zu organisieren.

  3. Mit seinen Erfahrungen den internen Gemeinschaftsbildungsprozess gestalten und moderieren helfen.

  4. Den Seminarbetrieb in Sommerland bilden, inhaltlich, thematisch und organisatorisch professionalisieren.

Beispiel eine möglichen Neugestaltung der Mitgliedsbeiträge:

Aktive Mitglieder des Initiativkreises, der Sippe oder der Genossenschaft zahlen einen Jahresbeitrag von 30 Euro. Der normale Mitgliedsbeitrag erfolgt nach Selbsteinschätzung von 50,- bis 99,- Euro im Jahr. Fördermitglied wird man ab einem Jahresbeitrag von hundert Euro.

 

Komponente 2: die Stiftung Sommerland

 

Die Stiftung Sommerland sollte folgende Aufgaben übernehmen:

  1. Menschen, die über größere finanzielle Mittel verfügen und diese zur Ermöglichung gemeinwohlorientierter Projekte einbringen wollen, eine glaubhafte und attraktive Möglichkeit anbieten.

  2. Der tiefenökologischen Erkenntnis und Maxime „Das Land gehört sich selbst“ eine in dieser Gesellschaft anerkannte Rechtsform verleihen und die Idee in ihrer Satzung dauerhaft gegen andere Landvernutzungsinteressen zu schützen.

  3. Land erwerben, auf dem Gemeinschaftsprojekte und andere Projekte im Sinne des Almende-Prinzips leben und arbeiten können. Die Gemeinschaften müßten dann nicht ein Gelände als Besitzer erwerben sondern würden es von der Stiftung pachten. Die Stiftung finanziert ihre laufenden Tätigkeiten aus diesen Pachteinnahmen und bedient darüber hinaus keine sachfremden Renditeerwartungen. Sie legt ihr Kapital überwiegend in Form von Landbesitz an, und sorgt dafür, daß das „freigekaufte“ Land auch im Falle des Scheitern eines einzelnen Gemeinschaftsprojektes weiterhin der Idee der gemeinschaftlichen und tiefenökologischen Besiedlung zur Verfügung steht.

  4. Der Erwerb des Landes zur Ermöglichung des Gemeinschaftsprojektes Sommerland könnte das erste Projekt der Stiftung sein. Sollten die Mittel dazu reichen, könnten weitere Gelände erworben und darauf weitere Gemeinschafts- oder sonstige Almende-Projekte realisiert werden. Insofern reicht die Idee der Stiftung weit über das Projekt Sommerland hinaus. Und es würde Sinn machen, sie unabhängig von der Entwicklung von Sommerland und sogar schon vorher einzurichten.

  5. Über Sommerland hinaus sollte die Stiftung Zustifter motivieren und die Idee des „Freikaufs“ von Land flächendeckend voranbringen. Zu diesem Zweck könnte sie (ggf. in Kooperation mit der Konvergenz-gesellschaft) einen Beirat einsetzen, der die Almende-Prinzipien auch geistig und kulturell in den Mainstream hineinträgt.

Die Satzung der Stiftung sollte in Zusammenarbeit mit dem finanziellen Hauptsstifter/Stifterin und dem Ideenstifter (der Konvergenz-Gesellschaft) detailierter ausgearbeitet werden.

Der Vorstand könnte aus dem/der StifterIn (oder einem Vertreter), einem der Ideenstifter und einem/ner GeschäftsführerIn bestehen.

Um sinnvoll beginnen zu können sollte das Startkapital eine halbe bis mehrere Millionen Euro betragen.

 

Beispiel für eine Scenario für die Ermöglichung der ersten Sommerland-Siedlung:

Die Stiftung kauft das Gelände für 300.000,- Euro. Die Sommerland-Betreiber-Genossenschaft schließt mit der Stiftung einen Erbpachtverztrag über Hundert Jahre. Der jährliche Pachtzins beträgt mindestens 1% der Ursprungssumme (ca 3000,-Euro) und bei gut laufenden Einnahmen bis zu 5 % (ca 15000,- Euro).

 

 

 

Komponente 3: Der Beirat

 

Sowohl die Konvergenz-Gesellschaft wie auch die Stiftung, im Idealfall beide einvernehmlich und zusammen berufen einen Beirat aus nahmhaften Personen der Öffentlichkeit als „Schirmherren“ wie auch Ideen-Promoter ein. Dieser fungiert als eine Art Membran und „Schutzschild“ gegenüber dem Mainstream.

Das sind Künstler, Wissenschaftler, Politiker, Vertreter nachhaltiger Wirtschaftsinteressen und andere Menschen, die die Ideen von Sommerland verstehen und in den öffentlichen Diskurs hineintragen wollen und können, ohne selbst Teil der Gemeinschaft zu sein.

Der Beirat könnte sowohl die konkreten Interessen von Sommerland nach außen vertreten, wie auch es gegen etwaige Diskriminierungsversuche von außen verteidigen und sogar die politischen Grundprinzipien von Gemeinschaftsbildung und Almende offensiv in den Mainstream hineintragen.

 

Komponente 4: Die Sippe und die Basisgemeinschaft

 

Die Einrichtung der ersten Sommerland-Sippe ist das A und O der ganzen Projektes. Die genannten drei ersten Komponenten können Sommerland geistig vorbereiten und finanziell ermöglichen und bewahren helfen. Um in die menschliche, soziale und materielle Wirklichkeit zu treten braucht es als Basis die Sippe. Mit ihr erhält die Basisgemeinschaft Sommerland seine erste Keimzelle und soziale Gestalt, ohne sie bleibt Sommerland ein interessantes Kultur- und Sozialmodell, aber eben rein theoretischer Natur.

Gelingt es, dieser ersten Sippe eine zweite, dritte, ja bis zu zehn oder zwölf weitere zuzugesellen, dann haben wir die Keimzelle eines anderen Verwandschafts-entwurfes und somit einer möglichen anderen Gesellschaft. Diese Basisgemeinschaft aus mehreren Sippen erst hätte die Kraft und das Potential, uns in zentralen und vitalen Lebenssituationen andere Entscheidungen zu ermöglichen als die jetzige patriarchale Zivilisation und Gesellschaftsorganisation. Vielleicht gibt es neben den Sippen noch ein paar Kleinfamilien, Einzelpersonen, oder intern anders strukturierte Gruppen, die nachhaltige Existenz und der Erfolg der Basisgemeinschaft hängt vom verbindlichen Miteinander mehrerer kooperierender Sippen ab.

 

 

Patriarchat oder Matriarchat

 

Die sexuelle Zwangsökonomie, die das Miteinander der Geschlechter und Generationen im Patriarchat diktiert, wird nicht allein durch emotionales Unbehagen, Verweigerung, individuelles Heldentum oder spontane Revolten aufgehoben. Es braucht eben auch von sozialer Intelligenz und Weisheit geprägte, menschengemäße, also nicht patriarchale, also matriarchale soziale Formen, wenn der Aufbruch aus den Paradigmen der patriarchalen Zivilisation gelingen soll. Keine sozialen Anliegen, keine noch so notwendigen ökologischen Ziele, keine noch so hohen moralischen Postulate gegen die strukturelle Gewalt der modernen Finanzdiktatur haben auch nur den Hauch einer Chance ohne die Entschlossenheit zum Aufbau einer menschlichen Alternative von der Basis her.

Unser Verhältnis zur Natur (damit sind nicht nur Fragen der Ökologie gemeint, sonder alles, was mit Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie, der materiell dinglichen Welt insgesammt zu tun hat) und unser Verhältnis zur Transzendenz ( Woher kommen wir, wohin gehen wir, auf wessen Schultern stehen wir? Was ist Werden, Vergehen, Tod, Geburt?) sind eben nicht allein umweltpolitisch oder spirituell zu lösen. Sie sind genauso untrennbar verbunden mit dem Verhältnis der Geschlechter untereinander, der Generationen untereinander, und der Organisation innerhalb der kleinsten Gemeinschaft und der Gemeinschaften untereinander (= Politik). Funktionierende Gemeinschaft wird es nur geben bei der Zusammenschau dieser fünf zivilisatorischen Verhältnisse (Claudia von Werlhof). Einfacher geht es leider nicht. Nur so können wir entscheiden, ob unsere Zivilisation in Richtung Patriarchat

(und damit der Verramschung der letzten Kräfte und lebendigen Ressoucen) oder Matriarchat (und damit für die Gemeinschaft, Lebensqualität, ein menschliches Miteinander und einen kontaktvolles Verhältnis zur Natur) geht.

Es geht dabei im menschlichen Kernbereich um ein genaueres Hinschauen. Die Sippe ist nicht so etwas ähnliches wie die Familie, sondern ihr komplettes Gegenteil. Und somit wird eine auf Sippen beruhende Gemeinschaft zum Gegenteil des Staates. Authentische Selbstorganisation in Gemeinschaft ist prinzipiell unvereinbar mit dem System der Herrschaft von Menschen über Menschen.

Und um das Prinzip Herrschaft von Menschen über Menschen aufzubrechen, braucht es die Entflechtung von drei Faktoren, die in der sexuellen Zwangsökonomie aus Familie und Staat auf so unsachgemäße wie unheilvolle Weise miteinander verbunden sind: das Zusammenkommen von Frauen und Männern, das Aufwachsen von Kindern und die ökonomische Versorgung in der Gemeinschaft. Um das Unheil zu verstehen, daß aus der Verquickung dieser drei Ebenen in der Kleinfamilie entsteht, bräuchte es eigentlich einen tieferen Einblick in die fundamentalen Unterschiede von Matriarchat und Patriarchat. Dies ist im Rahmen dieser Schrift nicht zu leisten. Um aber einen Eindruck zu erlangen, was Sippe für uns heute bedeuten könnte, müssen wir einen minimalen Einblick gewinnen, in das, was Sippe in einer vorpatriarchalen Gesellschaft einst war.

 

 

Sippe und Schwesternschaft/Stamm im Matriarchat

 

Die Sippe ist im Matriarchat ein Kern von ca 5-12 Frauen (in mutterrechtlichen Zeiten hätte es gehießen: „die von den gleichen Müttern abstammen“ Sie leben gemeinsam mit ihren Kindern(*1) und Männern (*2).

(*1: unabhängig vom jeweilig aktuellen Verhältnis ihrer Mütter zu den jeweiligen biologischen Vätern ist und bleibt die Sippe das stabile soziale Biotop, der verbindliche menschliche Wärmeraum für die Kinder.)

(*2: in mutterrechtlichen Zeiten waren diese Männer die Brüder der Frauen, nicht ihre Geliebten, und somit die sozialen „Väter“ ihrer Schwesterkinder, nicht die biologischen. Unabhängig von den Wechselfällen der jeweiligen Liebesbeziehungen waren sie die dauerhaften männlichen erwachsenen Bezugspersonen für die Kinder der Sippe.)

Die Männer (im Sinne von Geliebten) der Frauen hatten Gaststatus in der Sippe und ein „Heimatrecht“ in der Schwestersippe, der sie in der Regel entstammen. Dort versahen sie die Pflichten der „sozialen Vaterschaft“ bei den Kindern ihrer Schwestern. So war der Austausch der Männer für exogame Liebesbeziehungen der wichtigste Ansatzpunkt für ein enges und friedvolles Zusammenleben mehrerer Sippen.

Auch die gemeinsame Verantwortung für die materielle Versorgung aller Erwachsenen der Sippe für einander und für alle ihre Kinder war gegen einen ausufernden Gruppenegoismus gefeit durch diese enge Verbindung mit den Schwestersippen. Bestimmte notwendige Tätigkeiten (zB. Treibjagden; komplexere Bewässerungssysteme u.a.) konnten nur durch enge Kooperation mehrerer Sippen geschafft werden. So entstanden aus mehreren Sippen sogenannte Schwesternschaften oder später auch Stämme als lebensfähige gesellschaftliche Grundeinheiten. Ihr Zusammenhalt entstand aus Kooperation, gegenseitiger Verwandschaft, Liebesbeziehungen und Freundschaften.

Wichtig für diese herrschaftsfreie Stammesgesellschaft war, daß sie nach innen in Sippen gegliedert blieb und als Gesamtverband nicht eine gewisse überschaubare Größe überschritt.

 

Die wichtigsten Essentials der Sippe sind:

  • eine Frauengruppe als sozialintegrativer Kern

  • Sicherheit der Kinder über ihren Platz in der Sippe

  • Soziale Verantwortung (ähnlich wie in der heutigen Familie) aller Erwachsenen füreinander und für alle Kinder, unabhängig vom Stand der aktuellen Liebesbeziehungen

 

Ein solcher Verband von ca. 15 bis 40 Menschen bildet gleichermaßen die Kerngemeinschaft für die Zugehörigkeit und soziale Absicherung ihrer Individuen als auch den Ursprung jeglicher basisdemokratischen Willensbildung.

Da dieser Verband aber allein für sich kaum lebensfähig ist, braucht er, um seine volle Wirkung zu entfalten, die Einbettung in ein Netz von Verbänden gleicher Qualität. Erst mehrere solcher sozialen Kerne zusammen bilden gemeinsam eine Schwesternschaft oder einen Stamm, ohne sich in diese hinein aufzulösen.

Der Verband mehrerer( ca. 3-12) solcher Kerngemeinschaften(Sippen) zu einer Schwesternschaft von ca. 100-500 Menschen, die die wesentlichen Grundbedürfnisse für alle so gemeinschaftlich und selbstbestimmt wie möglich regelt ist dann gleichzeitig die gesellschaftliche Grundeinheit einer auf Nachhaltigkeit und Gemeinwohl orientierten basisdemokratischen Gesellschaft. Eine solche existierte über Tausende von Jahren. Diese friedlichste Epoche der Menschheitsgeschichte wurde vor ca 6000 jahren durch das entstehende Patriarchat gewaltsam beendet.

 

Die wichtigsten Essentials eines Stammes (Zusammenschlusses mehrerer Schwestersippen) sind:

  • Die Sippen bilden zwar eine größere Gemeinschaft, lösen sich aber nicht in diese hinein auf, bleiben also erhalten. (gegliederte Gesellschaft)

  • Die Schwesternschaft/der Stamm übernimmt nur diejenigen Angelegenheiten, die eine Sippe nicht allein regeln kann (Subsidiaritätsprinzip)

  • Die Frauen- und Männergruppen der Sippen beraten getrennt und entscheiden gemeinsam. Sie wählen je eine Frau und einen Mann in den Rat der größeren Gemeinschaft. Der Rat versteht sich nicht als Souverän sondern als Koordinationsgremium des Willens der verschiedenen Sippen (gegliederter Konsens und Basisdemokratie)

  • Die Schwesternschaft/der Stamm besteht aus ca 100-500 Menschen. Werden es mehr, so gehen einige Sippen heraus und bilden einen neuen Stamm

 

Sippe und Basisgemeinschaft nach dem Patriarchat

 

Die Sippe ist ein Kern von ca 5-12 Frauen (heute wäre dieser Zusammenschluß ein freiwilliger, bewußter und willentlicher Zusammenschluß, eventuell mit der Absicht, daraus die alte Tradition wieder entstehen zu lassen). Sie leben gemeinsam mit ihren Kindern(*1) und Männern (*2).

(*1: unabhängig vom jeweilig aktuellen Verhältnis ihrer Mütter zu den jeweiligen biologischen Vätern ist und bleibt die Sippe das stabile soziale Biotop, der verbindliche menschliche Wärmeraum für die Kinder.)

(*2: in mutterrechtlichen Zeiten waren diese Männer die Brüder der Frauen, nicht ihre Geliebten, und somit die sozialen „Väter“ ihrer Schwesterkinder, nicht die biologischen. Die Geliebten der Frauen hätten Gaststatus in der Sippe und ein „Heimatrecht“ in der Schwestersippe, der sie in der Regel entstammen. Eine „eins zu eins“-Rekonstruktion dieser vergangenen Verwandschaftsstruktur scheint aus mancherlei Gründen für viele heute weder wünschenswert noch machbar. Deshalb wird an die Stelle früherer Selbstverständlichkeiten heute eher eine Vielzahl intentionell zu regelnder Modelle treten.)

Ob die Sippe als echte mutterrechtliche Verwandschaftsstruktur wieder angestrebt wird, oder nur ihre Essentials als Sozialstruktur übernommen werden, wird eine zweitrangige Frage sein. Entscheidend wird das Bewußtsein und die Konsequenz sein, mit der das Liebesleben der Erwachsenen, die soziale und emotionale Sicherheit für die Kinder und die gemeinsame Ökonomie aller voneinander unterschieden statt gegeneinander ausgespielt werden.

Wir wissen nicht, ob es im Matriarchat Zweierbeziehungen und so anspruchsgeladene Paarerwartungen gab, wie heute. Wir wissen aber mit Sicherheit, daß auf der Zweierliebe heute ein immenser Erwartungsdruck lastet. Soll sie doch alles, was früher die Gemeinschaft erbrachte, mit leisten: die Aufzucht der Kinder und die materielle Absicherung der Familie. Egal, ob unser Ideal die lebenslange monogame Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann, das freie Wechselspiel in der Liebe, homosexuelle Liebe oder irgendwas dazwischen ist, es wird immer gestört und belastet sein, wenn der sichere Ort der Zugehörigkeit für die Kinder und die materielle Absicherung aller nicht gemeinschaftlich geregelt sind. Deshalb gilt auch für Sippe und Basisgemeinschaft der Zukunft:

 

Die wichtigsten Essentials der Sippe sind:

  • eine Frauengruppe als sozialintegrativer Kern

  • Sicherheit der Kinder über ihren Platz in der Sippe

  • Soziale Verantwortung (ähnlich wie in der heutigen Familie) aller Erwachsenen füreinander und für alle Kinder, unabhängig vom Stand der aktuellen Liebesbeziehungen

 

Ein solcher Verband von ca. 15 bis 40 Menschen bildet gleichermaßen die Kerngemeinschaft für die Zugehörigkeit und soziale Absicherung ihrer Individuen als auch den Ursprung jeglicher basisdemokratischen Willensbildung.

Da dieser Verband aber allein für sich kaum lebensfähig ist, braucht er, um seine volle Wirkung zu entfalten, die Einbettung in ein Netz von Verbänden gleicher Qualität. Erst mehrere solcher sozialen Kerne zusammen bilden gemeinsam eine Basisgemeinschaft, ohne sich in diese hinein aufzulösen.

Der Verband mehrerer( ca. 3-12) solcher Kerngemeinschaften(Sippen) zu einer Basisgemeinschaft von ca. 100-500 Menschen, der die wesentlichen Grundbedürfnisse für alle so gemeinschaftlich und selbstbestimmt wie möglich regelt ist dann gleichzeitig die gesellschaftliche Grundeinheit einer auf Nachhaltigkeit und Gemeinwohl orientierten basisdemokratischen Gesellschaft.

Wie sich deren Aufbau in weiterer Vernetzung darstellt, wurde an anderer Stelle (in der „Charta“ und in den Sommerlandchroniken 2) ausführlicher dargestellt.

 

Die wichtigsten Essentials einer Basisgemeinschaft sind:

  • Die Sippen bilden zwar eine größere Gemeinschaft, lösen sich aber nicht in diese hinein auf, bleiben also erhalten. (gegliederte Gesellschaft)

  • Die Basisgemeinschaft übernimmt nur diejenigen Angelegenheiten, die eine Sippe nicht allein regeln kann (Subsidiaritätsprinzip)

  • Die Frauen- und Männergruppen der Sippen beraten getrennt und entscheiden gemeinsam. Sie wählen je eine Frau und einen Mann in den Rat der größeren Gemeinschaft. Der Rat versteht sich nicht als Souverän sondern als Koordinationsgremium des Willens der verschiedenen Sippen (gegliederter Konsens und Basisdemokratie)

  • Die Basisgemeinschaft besteht aus ca 100-500 Menschen. Werden es mehr, so gehen einige Sippen heraus und bilden eine neue Basisgemeinschaft

 

KOMPONENTE 5: DIE BETREIBERGENOSSENSCHAFT

 

Die Betreibergenossenschaft ist die rechtlich-wirtschaftliche Form, die die Idee der matriarchalen Gemeinschaftsökonomie in die Sprache der patriarchalen kapitalistischen Wirtschaftsmodelle übersetzt und somit die materielle Absicherung der Gemeinschaft in einer strukrurell andersartigen (renditeorientierten) Ökonomie anstrebt.

Sie fungiert gleichzeitig als Wohnungsgenossenschaft, Gartenbau/ Landwirtschafts-genossenschaft, Produzenten- und Konsumgenossenschaft sowie als Gemeinschaftsholding für weitere Gemeinschafts- wie auch Individualbetriebe. Sie ist natürlich Mitglied in einem Genossenschaftsverband und wird alle zwei Jahre von diesem betriebswirtschaftlich geprüft.

Die Genossenschaft besteht aus den Erwachsenen Mitgliedern der Sippe(n) sowie aus weiteren Personen, die entweder in Sommerland wohnen, dort arbeiten oder beides. Jede dieser Personen hält mindestens einen, höchstens fünf Genossenschaftsanteile, hat in jedem Fall aber nur eine Stimme in der Genossenschaftsversammlung.

Die Genossenschaft schließt den Pachtvertrag mit der Stiftung und finanziert, trägt und verwaltet die gesamte Infrastruktur der Basisgemeinschaft. D.h. sie ist zuständig für den Bau und den Erhalt der Gebäude, Wege, Energieversorgung und Abfallverwertung. Inwieweit einzelne Flächen, Gebäude, Räume oder Produktionsmittel Einzelpersonen, Einzelfirmen oder Sippen überlassen werden ist detailierter zu klären.

Sie wählt zwei Vorstandsmitglieder (die betriebswirtschaftliche und/ oder volkswirtschaftliche Kompetenzen haben sollten) sowie einen dreiköpfigen Aufsichtsrat. Sie besteht aus mindestens 8 Mitgliedern. Ein Genossenschaftsanteil könnte 2000,- bis 20.000,- Euro betragen. Bis auf ein auszumachendes Bargeldminimun könnten Genossenschaftsanteile teilweise auch durch Arbeit erworben werden.

Drei Beispiele für die finanzielle Ausstattung der Genossenschaft: bei nur acht bis zwölf Mitgliedern und niedrigem Anteil bestünde das Startkapital der Genossenschaft nur aus 16 bis 30 Tausend Euro; bei ca 30 Mitgliedern und mittlerem Anteil könnten es ca 300.000,- Euro sein; bei 60 Mitgliedern und höheren sowie mehreren Anteilen bei einigen käme man schon auf 1,6 Millionen oder mehr.

 

Im Gegensatz zum Gemeinnützigen Verein darf und muß die Genossenschaft Gewinne machen. Und im Gegensatz zur Aktiengesellschaft werden diese aber nicht in andere Kanäle abgeschöpft sondern den aktiven Mitgliedern direkt wieder zugeführt. Die Genossenschaft kann auch sehr unterschiedliche Betriebe führen und deren Gewinne und Verluste vor Steuern gegeneinander aufrechnen. Einige davon werden im folgenden näher dargestellt. Wobei die ersten drei unbedingt notwendig sind um die nachhaltige Existenz der Sippe(n) zu gewährleisten, die weiteren gut wären, um Lebensqualität und Einkommen zu schaffen.

 

 

Anhang A :

die Sommerland-Gemeinschaftsbetriebe

  1. Betrieb: Seminargasthof als Gemeinschafts-und Gästezentrum

  1. Betrieb: Gartenbau (und Landwirtschaft)

  1. Betrieb: Kinderhaus

  1. Betrieb: Laden/„Drugstore“

  1. Betrieb: Haus der Heilung

  1. Betrieb: handwerkliche Betriebe

  1. Betrieb: künstlerische Betriebe

  1. Betrieb: sonstige Betriebe

 

 

im einzelnen:

 

2.) Betrieb: Gartenbau (+Landwirtschaft)

 

Weitestgehende Eigenversorgung mit Obst und Gemüse. Möglichst auch Hühner, Bienen, Fischzucht. Später ev. Schafe, Ziegen. Noch später ev. Rinder? Pferde?

Hierfür müßten nach meinem Ermessen mindestens zwei Menschen nahezu ganz von der Gemeinschaft freigestellt bzw. bezahlt werden.

Es wäre schön, wenn diese auch ein Händchen im Umgang mit Menschen hätten, um andere Gemeinschaftsmitglieder, Gäste, Kinder zur Mithilfe (regelmäßig oder z.B. zu einem Ernteeinsatz mit Fest) anleiten zu können.

Sollten Überschüsse erwirtschaftet werden, die nicht von der Gemeinschaft und dem Gästebetrieb allein verbraucht werden, dann wäre eine auf die Nachbarschaft erweiterte SoLaWi-Versorgung oder auch der Verkauf in einem eigenen Laden denkbar.

 

3.) Betrieb: Kinderhaus

 

Zur Nachhaltigkeit einer funktionierenden Gemeinschaft gehört ein gesundes Zahlenverhhältnis der Generationen zueinander. So wie auch die Zahl der nicht mehr produktiven Älteren Mitglieder ( oder auch der weniger produktiven, der Kranken, Patienten, oder aus anderen Gründen nicht voll belastbaren) insgesammt die 20 % einer Gemeinschaft nicht überschreiten sollte, sollte auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen nicht mehr als 20 % ausmachen. Die verbleibenden 60 % der voll belastbaren Erwachsenen reichen in der Regel und bei gesicherter materieller Versorgung, die anderen 40 % mitzutragen. In Zeiten besonderer Belastung wie in der Pionier-, und Aufbauphase einer Gemeinschaft sollten es eher mehr als 60 % sein, die voll einsetzbar und belastbar sind.

Doch unabhängig von der Zahl der Kinder sollte die Basisgemeinschaft über ein Kinderhaus (+vielleicht noch ein extra Jugendhaus?) oder gemeinsame Räume für Kinder verfügen. Um dieses zu pflegen und dort die Kinder zu betreuen sollte die Gemeinschaft mindestens zwei Vollzeitkräfte freistellen oder bezahlen.

Größe und finanzielle Möglichkeiten der Gemeinschaft entscheiden mit darüber, ob dieses Kinderhaus nur den eigenen Kindern oder auch Kindern aus der Umgebung offen steht, ob es „nur“ die Funktionen von Kindergarten und Hort übernimmt oder auch die einer Schule.

Größere Kinder können auch, in für sie geeigneten Funktionen, in den Betrieben der Gemeinschaft mitarbeiten.

Kinder, die dies wünschen, sollten auch die Möglichkeit haben, ganz oder vorübergehend außerhalb ihrer Sippe im Kinderhaus zu wohnen.

Jugendliche in der Pubertät sollten von geeigneten Mitgliedern der Gemeinschaft neben der normalen Schule auch auf ihre künftigen Möglichkeiten und Pflichten in der Gemeinschaft vorbereitet werden. Nach ihrer Initiation in diesem Zusammenhang dürfen sie an den Versammlungen der Frauen- bzw. Männergruppen ihrer Sippe teilnehmen und in verantwortlicheren Positionen der Gemeinschaftsbetriebe mitarbeiten. Auch die Jugendlichen sollten nach Möglichkeit eigene Gemeinschaftsräume oder gar ein Jugendhaus haben. All diese Prozesse zu betreuen, setzt natürlich mehr als nur zwei „Hauptamtliche“ voraus. Für die kindergruppe, die Pubertierenden und die Jugendlichen von 15 bis 20 könnte die Gemeinschaft je eine Frau und einen Mann als Ansprechpartner benennen, der zusammen mit einer Frau und einem Mann, die von der entsprechenden Kinder- oder Jugendlichengruppe selbst benannt wurden, in besonderer Weise für sie da ist.

 

4.) Betrieb: Dorfladen/Drugstore

 

Ein eigener Laden könnte folgende Funktionen haben:

Die Möglichkeit, Lebensmittel und andere Wahren, die nicht von der Gemeinschaft selbst produziert werden können, gemeinsam und zu Großhandelsbedingungen einzukaufen.

Etwaige Überschüsse des eigenen Gartenbaubetriebes und weiterer Betriebe der Gemeinschaft zu verkaufen.

Die Aufgaben einer Postagentur, einer DB-Agentur und andere Dienstleistungen nicht nur der Gemeinschaft sondern auch der Nachbarschaft und der Region anzubieten.

 

5.) Betrieb: das Haus der Heilung

 

Weniger eine Klinik und mehr ein Haus der „natürlichen Lebensvorgänge“, insbesondere aber Geburtshaus und Hospiz. Vielleicht aber auch für Rückzüge, Therapien, Ruhe und andere Heilungssuchende.

 

6.) handwerkliche Betriebe

 

Zunächst Lebensmittelerzeugende – und -verarbeitende Betriebe (Bäckerei, Käserei, Brauerei, Metzgerei u.a) dann vielleicht auch andere Umweltverträgliche Handwerksbetriebe.

 

7.) künstlerische Betriebe

 

Ein Theater, ein Verlag, Studios, Ateliers...

 

8.) sonstige Betriebe...

 

 

 

Anhang B: kleiner anfangen? Der erste Gemeinschaftsbetrieb

 

Immer wieder tauchen im Zusammenhang mit Sommerland die Fragen auf:

Das ist ja alle sehr groß und grundsätzlich gedacht und sehr weit von unserer jetzigen Realität entfernt, ginge es nicht auch eine Nummer kleiner, realistischer und praktischer? Unbeschadet der in Sommerland 3, Punkt 4 B („zum grundsätzlichen Zusammenhang“) dazu dargelegten Einschätzungen wäre diese Frage heute aber durchaus auch mit einem (zwar eingeschränkten aber) klaren „Ja“ zu beantworten.

Zum Beispiel in dieser Form:

 

Kulturgasthof Sommerland

Begegnungs-, Bildungs-, Rückzugs- und Heilstätte

 

Ein gastliches Haus am Rande einer, turbulent sich wandelnden, Welt. Ein heimeliges Haus als Treffpunkt für die unermüdlichen Wanderer zwischen den Welten. Ein Ort der Regeneration und der Inspiration für alle, die in heilsamen Missionen unterwegs sind, Netzwerker, Bestärker und Ermutiger. Auch und gerade für die, die sich selbst einmal Pause, Bestärkung und Neuorientierung gönnen wollen.

 

Die Idee des Kulturgasthofes basiert auf den Sommerland-Chroniken von Gandalf Lipinski. In den letzten zwanzig Jahren hat sich gezeigt, daß die vollumfängliche Verwirklichung eines Gemeinschaftsprojektes als matriarchale und tiefenökologische Modellsiedlung erst dann auf der aktuellen Agenda stehen wird, wenn eine genügend große Gruppe von konsequent dafür gehenden TrägerInnen und PionierInnen, aber auch genügend finanzielle Resourcen dafür zu Verfügung stehen.

 

Nichstdestotrotz gibt es den Wunsch bei einigen der WeggefährtInnen dieser letzten zwanzig Jahre, einen Kernaspekt der eigentlich angestrebten Gemeinschaftssiedlung bereits jetzt, mit weniger Geld und einer kleineren Gruppe von Freunden in den kommenden Jahren zu verwirklichen. Der einst als Gemeinschaftszentrum gedachte Kulturgasthof wird dann eben in kleinerem Umfang auch Funktionen als Bildungs- und Heilungszentrum sowie als Rückzugs- und Tempelstätte übernehmen.

 

Hierzu braucht es „nur“ acht bis fünfzehn ehrenamlich, teilzeit- oder vollzeittätige MitarbeiterInnen und das entsprechende Gelände mit den, nachfolgend näher dargestellten, baulichen, räumlichen und sonstigen Ausstattungskomponenten. Eine gemeinsame Firma in Form einer Genossenschaft sollte der emotionalen und geistigen Verbindung der, sich um die Sommerland-Vision findenden Freunde die notwendige materielle Erdung und Verbindlichkeit geben. Mindestens zwei der Mitarbeiter sollten betriebswirtschaftliche, vier gastronomische und je einer gartenbauliche und handwerkliche Kompetenzen haben. Die geschäftsführend und in der Küche tätigen sollten mehr oder weniger hauptamtlich arbeiten können. Alle anderen Funktionen könnten auch auf ehrenamtlicher oder Teilzeit-Basis ausgeübt werden. Die Gründer-Gruppe sollte aus mindestens vier Frauen und vier Männern bestehen.

 

 

Soziale Funktionen des Hauses:

  1. Kneipe, Gaststätte und Pension für Einzelgäste, Familien und Gruppen

  2. Übernachtung und Verpflegung für Seminargruppen und Einzelne, die die Bildungs-, Heilungs- und Rückzugsangebote des Zentrums in Anspruch nehmen.

  3. Restaurant mit einfacher, regionaler, biologischer 3-Komponentenküche (crasiophagisch, vegetarisch und vegan) und gelegentlichem Kulturprogramm.

  4. Kneipen- und Cafetreff für die unmittelbare Umgebung.

  1. Veranstaltungsort für Theater, Tanz, Musik, politische, pädagogische, therapeutische u.a. ganzheitliche kulturelle Anlässe.

  2. Seminarort für Bildungs-, Ausbildungs- und andere Angebote des obigen Spektrums.

  3. Praxis und Beratungsstelle für ganzheitliche individuelle, sozio- und ökotherapeutische Heilungsangebote, Prophylaxe und Salutogenese.

  4. Sakralort für ganzheitliche individuelle und gruppische Übergangsrituale u.ä. Anlässe.

  5. Rückzugsort für Stille, Meditation und andere Wünsche an ein behütetes Alleinsein.

  6. Büro zur Vernetzung der obigen u.a im Sinne von Sommerland auftauchenden regionalen und überregionalen Initiativen.

Räumliche, bauliche und geländemäßige Voraussetzungen:

 

Bewegungsseminarraum ca 80 m2

Veranstaltungssaal

Kleiner Seminarraum (ca 30 m2)

Praxisraum 1

Praxisraum 2

Raum der Stille

Kinderraum.

Retreat-Hütte
Outdoor- Ritualplatz

 

Gaststube mit Theke, Kamin und Platz für 50-80 Personen

(Ev. 2. Gastraum)

Genügend Einzel, Doppel, Mehrbettzimmer und Matratzenlage für 30-60 P P Personen (3-5 EZ, 5-10 DZ, 2-4 MBZ,1-2 Lager)

Gastronomieküche

(ev 2. = SV-Küche)
Kühl- und Vorratsräume

 

Empfangsbereich

Betriebsbüro

Internes Büro

(ggf. 3. Büro+ Archiv)
Bibliothek

 

MitarbeiterInnen in folgenden Funktionen:

Geschäftsführung im Bereich Gasthof, Zimmer, Küche

Geschäftsführung im Bereich Veranstaltungen und Programm

(ggf. 3. Geschäftsführung für das Vernetzungsbüro und als Vertretung)

Hausdame und Empfang, Zimmer

Hausmeister und Empfang, Zimmer


(Zimmerpflege und Vertretung von Hausdame und Hausmeister.)

 

Köchin, Koch

2. Koch, Köchin

Einkauf, Keller Vorräte, Küchenhilfe

Küchenhilfe 1, 3. Koch

(ggf 3. Küchenhilfe und 4. Koch)

1. Thekenkraft und 2. Kellner

Oberkellner und 2. Thekenkraft

3. Thekenkraft und Kellner

(ggf. 4 KellnerInn)

GärtnerIn

Kinderbetreuung

Therapieleitung

Seminarleitung
Programmkoordination

 

Bei nur acht Menschen müßte jede Person also 2-3 Funktionen übernehmen, was aber auch machbar wäre, da nicht jede Funktion die hauptamtliche Aufmerksamkeit eines Menschen ganz in Anspruch nähme. Lediglich bei ein bis zwei Personen in der Geschäftsführung und 2-4 in der Gastronomie wäre eine solche Konzentration ratsam.

Bei 15-20 Personen wäre eine entspanntere Funktionsverteilung und ein gesunder Mix aus hauptamlicher-, Teilzeit- und ehrenamtlicher Arbeit möglich.

 

 

Ort, Region:

 

Möglichst im Werra-Meissner-Kreis

 

Finanzierung:

 

Geländekauf oder Verpachtung durch Stifftung oder privat

Ev. Auch Kaufanteil durch die Genossenschaft

Die Betriebskosten erwirtschaftet die Genossenschaft


6-10 Menschem müssen dauerhaft davon leben können